Brecht in der Tasche

Soviel Brecht für sowenig Geld gab es noch nie. Die Wiederkehr des – fünfundzwanzigsten Todestags (14. August 1956) macht es möglich: In einem weinroten Leinenband: (1392 Seiten, 25 Mark), der "Die Gedichte von Bertolt Brecht" verspricht, wird wahr, was der Dichter einmal gewünscht hat: Möchte die Gedichtbände anders als üblich gedruckt herausbringen ... Kleiner, in die Tasche zu stecken". Ehe wir uns, wieder einmal, mokieren, auf welch raffinierte Art das Haus Suhrkamp auch die Werke dieses Sozialisten in immer neuer Weise verwertet, den interessierten Leser immer noch einmal zur Kasse bittend, worauf – verschämt – das Sätzchen im Vorsprach verweist? "Diese Ausgabe verhält sich seitenidentisch zu den Bänden 1–4 der gesammelten Gedichte?" (wobei die starke Verkleinerung des Satzspiegels verschwiegen wird), sei diese Dünndruckausgabe, die jede Rocktasche ausbeult, gepriesen: Mit diesem Band lassen sich lange Reisen, verregnete Ferien, schlaflose Nächte gut überstehen. Von den frechen Versen des lyrischen Apothekers der "Hauspostille" bis zu den müden Elegien des enttäuschten Revolutionärs aus dem märkischen Idyll am Buckower See spannt sich ein Dichterleben, für das Brecht selber eine Formel suchte in den beiden Vierzeilern unter dem ihn und sein Werk kennzeichnenden Titel:

Wechsel der Dinge

I

Und ich war alt, und ich war jung zu Zeiten

War alt am Morgen und am Abend jung

Und war ein Kind, erinnernd Traurigkeiten