Finnlands Sommer ist reich an besonderen Veranstaltungen und Festivals, Spötter zur Prophezeiung laßt hat, bald gebe es keine Gemeinde mehr ohne Schrifterellentreffen, Aussrellungen, Volkstanz-, Gesangs-, Jazz- oder Opernfest.

Für Kuhmo (h sprich ch) im östlichen Mittelfinnland ist das alles nichts Neues. Zum 12, Mal fand hier dieses Jahr ein Kammermusikfestival statt, bei dem es nicht um stilistische Hervorhebungen geht, sondern um das gemeinsame Musizieren in allen nur denkbaren Formationen: mit Kollegen spielen, die man eigentlich nie unter solchen Bedingungen trifft, und ausreichend Zeit für Proben und Gespräch zu haben. Lehrer spielen mit Lehrern, Lehrer mit Studenten, man bildet Duos, Trios, Quartette, Oktette; Lehrer übernehmen Soloparts in studentischen Ensembles, beispielsweise in dem Konzert, in dem das Kammerorchester von Ostbottnien Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ mit Gidon Kremer als Violinsolisten spielte.

Runde einhundertzwanzig Musikstudenten – einzige Bedingung: sie mußten schon einem Ensemble angehört haben – kamen in diesem Jahr, zum erstenmal auch aus Schweden, Großbritannien und den USA. Dem Festival vorausgegangen war zudem bereits ein Instrumentalkurs mit 95 Teilnehmern. In beiden Kursen genossen junge Musiker aus der Region Vorzug: eine nicht selbstverständliche und darum bemerkenswerte Entscheidung, die einen kulturell benachteiligten Teil des Landes berücksichtigt, Motivation für junge Musiker bedeutet und den staatlichen Institutionen sowie den Gebietskörperschaften entgegenkam,. die das Festival mitfinanzierten.

Wie kam „Kuhmo“ zustande? Eher zufällig. Seppo Kimanen, Cellist, damals 21 Jahre alt, suchte einen Platz „um mit Freunden Kammermusik zu machen und ein paar Studenten zu unterrichten“. Kosten werde das alles nichts. Der Rückblick ruft natürlich heute Heiterkeit hervor. Das tiefere Anliegen Kimanens, eine Veranstaltung dieser Art bewußt weit weg von Städten, ihren Entfremdungen und Ablenkungsmöglichkeiten einzurichten, wird von langjährigen wie „neuen“ Teilnehmern als gut und richtig angesehen. Und, so meinen Musiker wie Kritiker, die Qualität der Musik beweise die Richtigkeit der Entscheidung.

– Kuhmo, meint Karl Leister, Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern, sei in der Bundesrepublik Deutschland wohl nicht möglich, Liegt es an der Bereitwilligkeit der Studenten, sich dieser Art Erfahrung auszusetzen, oder an den Lehrern der Musikhochschulen, ihre Studenten für Möglichkeiten und Herausforderungen, außerhalb des „normalen“ Musikbetriebeszu motivieren? Leister antwortetnicht ohne ironischen Unterton, er könne der Nachfrage aus dem Ausland, Meisterkurse abzuhalten, leider nur zumTeil genügen. Gibt es zu. wenige arrivierte Musiker, die bereit sind, ihr Wissen und Können den Jüngeren in unkonventionellem Rahmen, aber höchst intensivem Maße mitzuteilen? Gedon Kremer, zum drittenmal in Kuhmo, spricht von der Freiheit, die Künstler haben, wenn sie nur bereit sind, sich selbst zu bestimmen. Diese Freiheit, die er wie alle anderen Kuhmo-Teilnehmer sich nehmen, ist nämlich, in indirekter Weise, teuer.

Die Gemeinde Kuhmo hat an eigentlichen touristischen Serviceleistungen wenig zu bieten bei knapp 14 000 Einwohnern, von denen weniger als die Hälfte im Ort selbst leben. Die Grenze zur Sowjetunion liegt 39 Kilometer entfernt; bis nach Kostamus, dem großen finnischsowjetischen Gemeinschaftsprojekt der Industrieansiedlung, sind es rund 100 Kilometer. Aus der Region arbeiten dort über 3000, aus Kuhmo 500 Personen, sie kommen nur am Wochenende nach Hause. Die Arbeitslosigkeit liegt dennoch bei über zehn Prozent. Gleichwohl hat die Gemeinde ihren Beitrag zum Festival mit jedem Jahr erhöht, dieses Jahr liegt er bei zehn Fmk (rund fünf Mark) pro Einwohner.

Die Gemeinde überläßt die notwendigen Gebäude sowie das dazugehörige Personal den Musikern, rund 150 Personen arbeiten für das Festival, 120 von ihnen, darunter viele Lehrer, ehrenamtlich, nicht nur im Sommer; die Hälfte der benötigten Klaviere werden von Privatperkräftige Männer zur Hand, einen Bösendorfer gegen einen Steinwiy, ein Cembalo gegen ein Hammerklavier auszutauschen. Nach den Konzerten werden die Musiker von Familien in Kuhmo eingeladen.’