Anschauungsunterricht

Von Norbert Denkel

Die Meldung stand so und ähnlich kürzlich in vielen Zeitungen: „Czeslaw Milosz, in Amerika lebender polnischer Literatur-Nobelpreisträger, wurde bei der Besichtigung der Kathedrale von Barcelona das Opfer von Taschendieben. Erst bekleckerten sie den Dichter mit Speiseeis, dann halfen sie ihm, den Flecken zu entfernen – und nahmen ihm dabei die Brieftasche mitsamt dem Reisepaß ab.“

Na, dachte der Leser, raffinierte Methode – erst kleckern, dann klauen. Und las nochmal: Also Barcelona, nicht Neapel, nicht Palermo, New York oder Bogotá. Barcelona, also Spanien.

Spanien und doch auch wieder nicht. Denn die Barcelonesen hängen sich selbst gern Attribute an, die sie den anderen Spaniern – je südlicher, je überzeugter – dann gerne vorenthalten: arbeitsam, tüchtig, wohlhabend; Was insoweit stimmt, daß, wenn Geldmenge ein Maßstab wäre, dies alles bestätigt würde durch die fast unüberschaubare Zahl von Bankgebäuden – mehr als in jeder anderen Stadt Europas.

Barcelona ist eine ihr Alter und ihre Selbständigkeit betonende katalanische Stadt, wenn man mit Geld- und Kulturleuten spricht. Aber wenn der Blick auf die sogenannte arbeitende Bevölkerung fällt, die Trabajeros, dann wird leicht eine krisengeschüttelte spanische Metropole sichtbar.

Das liefert in diesem Sommer Anschauungsunterricht für jene deutschen Besucher, die sich Arbeitslosigkeit nur noch als vorgezogenen Rentenanspruch denken können.