Zur Geschichte von Sitzen

Von Manfred Sack

Mit Stühlen hat es die Gegenwart nicht ganz leicht: Die besten Erfindungen, die heute dem Sitzen dienen (und einer Haltung), sind schon Geschichte. Das gilt nicht nur für Möbel, die, echt oder nachgemacht, in der Rubrik „Antiquitäten“ geführt werden und sich nach den steigenden Preisen zu urteilen, eines beängstigenden Interesses erfreuen; das betrifft auch Möbel, die wir ohne Hemmungen modern nennen, obwohl sie seit Jahrzehnten angefertigt werden. Es fordert einigermaßen zum Nachdenken heraus, daß die schönsten Stühle unseres Jahrhunderts, die elegantesten, die funktionstüchtigsten, die bequemsten also, nicht aus den siebziger (geschweige den achtziger), sondern aus den zwanziger Jahren stammen. Die Namen ihrer Entwerfer sind so klassisch wie die Sitzmöbel: Marcel Breuer, Mart Stam, Mies van der Rohe, auch Le-Corbusier. Wer den Massenprodukten entfliehen und sich Antiquitäten nicht leisten kann (will), sitzt auf den Stühlen, die Architekten des Neuen Bauens (oder Nachkriegs-Skandinaviern) eingefallen sind: Funktionalisten-Möbeln.

Solche Gedanken kommen einem nicht nur beim Blick in fremder Leute Stuben oder gut aussortierte Läden, sondern beim Blättern in einer großen Zahl von neuen Büchern, die dem Thema Stuhl (oder, allgemeiner, Möbeln) gewidmet sind, allen voran das teuerste, voluminöseste, aber auch das wichtigste; es ist kurioserweise ebenso alt wie die Stahlrohr-Schwinger aus der Bauhauszeit: 1927 zum erstenmal erschienen, unlängst neu (und erweitert) herausgebracht, ein Möbelgeschichts-Klassiker –

Adolf Feulner: „Kunstgeschichte des Möbels“, bearbeitet und erweitert von Dieter Alfter; Propyläen Kunstgeschichte, Sonderband, Propyläen Verlag, Berlin 1981; 836 S., 666 Abb., Leinen 260,– DM, Halbleder 290,– DM

Der schöne Walzer ist auf diesem Gebiet und auf seine Weise nach wie vor einzigartig, fachlich unanfechtbar, geschrieben in einem bei Wissenschaftlern nicht eben selbstverständlichen kultivierten, farbigen, einfallsreichen Deutsch, das hier obendrein, wie selten, eine klingende Sprache ist. Die weltmännische Sicherheit ihres Gebrauchs reflektiert freilich nicht nur eine ästhetische Sensibilität, sondern eine immense Kenntnis (auch der gesellschaftlichen Umstände) und ein kluges Urteil. Dieter Alfter, der das Standardwerk vom Historismus bis an die Grenze der Gegenwart fortgesetzt hat, trifft diesen Ton ziemlich gut. Es ist beinahe selbstverständlich, daß der wissenschaftliche Hilfsapparat (Literatur, Register, technische Daten) Sorgfalt und Phantasie erkennen läßt.

Das letzte im Bild gezeigte Möbel ist der „Wassily“-Stuhl, benannt wohl nach dem Haus, für das ihn Marcel Breuer entworfen hat, Kandinskys Meisterhaus in Dessau: eine raffinierte, auf spielerische Weise strenge Komposition aus Leder (oder Leinen) und Stahlrohr. Daß der Architekt sich dafür vom Fahrrad hatte inspirieren lassen, liest man in dem Buch von –