Möglichkeiten und Unmöglichkeiten deutscher Aufklärung

Von Christian Graf von Krockow

Ein wichtiges Vorhaben ist anzuzeigen: die Edition der "Gesammelten Schriften" von Helmuth Plessner. Das Unternehmen, von der Werner-Reimers-Stiftung gefördert und von mehreren Herausgebern und Mitarbeitern betreut, ist auf zehn Bände angelegt. Davon sind neben dem ersten Band, der die frühen philosophischen Schriften, und dem dritten Band, der die "Einheit der Sinne" von 1923 mit der 1970 veröffentlichten "Anthropologie der Sinne" vereinigt, jetzt zwei Bände erschienen, die Hauptwerke sind:

Helmuth Plessner: "Die Stufen des Organischen und der Mensch"; "Macht und menschliche Natur"; Gesammelte Schriften, Band IV und V; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1981; 455 und 284 S., 48,– und 38,– DM.

Mit den "Stufen des Organischen" (1928) ist Plessner zum Begründer der modernen philosophischen Anthropologie geworden – neben Max Scheler und über ihn hinaus, vor Arnold Gehlen. "Macht und menschliche Natur" (1931) sowie, im gleichen Band, "Grenzen der Gemeinschaft – Eine Kritik des sozialen Radikalismus" (1924) bieten die wesentlichen Ansätze zur Entwicklung einer Anthropologie des Politischen.

Helmuth Plessner hat die immerwährende Frage, was der Mensch sei, aus dem Dilemma von "Natur" und "Geist" befreit, in dem sie sich seit je verklemmte und in das sie ständig zurückzufallen droht: den Menschen entweder als jenes Wesen zu verklären, das der Natur so erfolgreich wie fatal entlief – oder ihn als das zentaurische Un-Wesen zu deuten, das ein Geister-Reiter mehr oder minder erfolglos zu zügeln oder wenigstens zu lenken versucht. Daß wir unverfügbar nur leibhaft sind und zugleich einen Körper haben, also über ihn verfügen, ihn instrumentalisieren können und müssen: diesen Tatbestand eben nicht als den Doppelaspekt von Natur und Geist zu verstehen, sondern als die dialektische Einheit einer Struktur, welche die Pointe unserer Existenz und der Plessnerschen Anthropologie ausmacht – dies freilich fordert unseren dualistischen Denkgewohnheiten eine nicht geringe "Anstrengung des Begriffs" ab. Es kommt hinzu, daß Plessners frühe Schriften – im Gegensatz zu den späteren, deren Edition noch aussteht – nicht eben leicht zu lesen sind.

Vielleicht kann es wenigstens als Fingerzeig dienen, wenn man auf charakteristische Begriffe hinweist. Exzentrische Positionalität: Wir sind in uns und zugleich doch hinter uns, sozusagen die Zuschauer unserer selbst. Unsere Unmittelbarkeit erweist sich als vermittelt. Wir sind in eine Umwelt eingebunden und darüber hinaus zur Weltoffenheit.

Natürliche Künstlichkeit: Darin steckt nicht nur die Einsicht, daß es zur Natur des Menschen gehört, stets nur in geschichtlich-gesellschaftlicher Gestaltung bestehen zu können, sondern die Formel zeigt sich bei näherem Zusehen selbst als historisch ausgerichtet. Denn was sie meint, wird seif Beginn der Neuzeit gleichsam auf eine neue Stufe gehoben, aktualisiert und radikalisiert, bis zu dem zuerst im 18. Jahrhundert erreichten Umschlagspunkt hin – Stichwort: Rousseau! –, von dem an man immer drängender und bedrängter nach künstlicher Natürlichkeit zu suchen beginnt. So ist Plessners Anthropologie auch in dem Sinne dialektisch angelegt und über das Entweder-Oder von Dauer oder Wandel hinaus, daß sie das Allgemeine des Menschseins mit Geschichtlichkeit und Zukunftsoffenheit vermittelt.

Möglichkeiten und Unmöglichkeiten deutscher Aufklärung

Hieraus ergibt sich eine zweifache, zweifach unpopuläre Frontstellung. Sie richtet sich zum einen gegen jede Art von dualistischer Metaphysik, wie sie, zum Beispiel, noch im Marxismus durchschlägt, wenn zwar ständig vom "Stoffwechsel" des Menschen mit der Natur die Rede ist, doch genau damit ein Gegenüber konstruiert wird, das die Fata Morgana eines mit den gesellschaftlichen Verhältnissen absolut wandelbaren, aus aller Natur durch ihre Überwältigung zu emanzipierenden "neuen Menschen" aufscheinen läßt. Zum anderen indessen und nicht weniger energisch gilt die Abgrenzung einem Biologismus, modern ausgedrückt einer Verhaltensforschung, sofern sie hinter allem geschichtlichen Wandel nichts als die ewig wiederkehrenden archaischen Zwänge am Werke sieht.

Wahrscheinlich hängt es mit dieser gegen jede Modeströmung über die Jahrzehnte hinweg durchgehaltenen doppelten Antipopularität zusammen, daß Plessners philosophische Leistung bisher kaum in dem Range erkannt und gewürdigt worden ist, der ihr zukommt. Allerdings spielen die Zeitumstände eine nicht bloß zusätzliche Rolle. Der außerordentliche Professor in Köln wurde 1933 aus dem Amt gedrängt und in die Emigration getrieben. In den Niederlanden fand er Zuflucht und erhielt 1939 eineStiftungs-Professur in Groningen – und wurde daraus nur zu bald durch die deutsche Invasion wieder vertrieben. Schließlich gelang es ihm, im Untergrund zu überleben. Nach dem Kriege erneut Professor in Groningen, folgte Plessner 1951 einem Ruf auf den neu errichteten Lehrstuhl für Soziologie und Philosophie in Göttingen; bis zur Emeritierung blieb dann nur noch ein Jahrzehnt.

Den Schock des Geschehens verarbeitete Plessner 1935 in einem Buch, das in Deutschland mit der angemessenen Verspätung unter dem neuen Titel "Die verspätete Nation – Über die politische Verjährbarkeit des bürgerlichen Geistes" bekannt geworden ist. Wer die Probleme unserer politischen Kultur verstehen will, für den sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre gehören. Es vermittelt Einsichten, die über alle Patent-Erklärungen und Einweg-Formeln differenzierend und weit hinausführen. Es greift zurück in die Geschichte und erweist sich eben darum als durch und durch aktuell.

Ähnliches gilt für die "Grenzen der Gemeinschaft" von 1924; deshalb sollte die spröde Sprache nicht abschrecken. Seinerzeit ging es um die Warnung vor jenem jugendbewegten "Gemeinschafts"-Enthusiasmus, der die Weimarer Republik behext und ruiniert hat; die Vorzeichen und Begriffe mögen heute anders aussehen. Aber gibt es nicht noch immer oder bereits wieder die untergründig umlaufenden antiliberalen, antiurbanen und antizivilisatorischen Sehnsüchte? Plessner zeigt, wie der Radikalismus der Gemeinschaft ins Philologische führen muß, weil er die Dialektik von Nähe und Distanz mißachtet.

Man wird an Kants Begriff von der "ungeselligen Geselligkeit" oder an Schopenhauers Geschichte von den frierenden Stachelschweinen erinnert, die zusammenrücken, um sich zu wärmen – und sich dabei ihre Stacheln ins Fleisch treiben. Aber Plessners Analyse dringt aus dem Allgemeinen in Konkretionen vor: in die Tiefen und Untiefen einer politisch mißratenen, in ihrem Selbstbewußtsein gebrochenen und folgerichtig in Generationsschüben vom Selbsthaß überschwemmten Bürgerlichkeit, welche ihre eigenen, erst so spät und so mühsam erreichten Ordnungen immer neu mit Zerstörung bedroht.

Nicht zufällig gehen so viele von Plessners späteren anthropologischen Studien vom Konkreten aus: "Lachen und Weinen", "Das Lacheln", "Anthropologie der Sinne", "Die Deutung des mimischen Ausdrucks", "Zur Anthropologie des Schauspielers". Fast nebenher fallen Sehlaglichter auf Bereiche, die sonst noch kaum jemand ausgeleuchtet hatte: Soziologie des Sports oder – in der Groninger Antrittsrede von 1939 – "Das gegenwärtige Verhältnis von Krieg und Frieden". Der Bogen spannt sich von der Zoologie – einem Studienfach Plessners – über die Soziologie des Wissens bis hin zur Interpretation der modernen Kunst.

Plessner entzieht sich der Einordnung und jeder Orthodoxie. Er hat einmal von sich gesagt, daß er immer ein sehr schlechter Schüler gewesen sei, auch wenn er im einzelnen etwa der Phänomenologie Edmund Husserls viel verdankte. Vermutlich hängt es mit diesem Mangel an Orthodoxie zusammen, daß Plessner ein großer akademischer Lehrer war, der zahlreiche Schüler anzog, förderte, auf ihren Weg brachte, aber niemals eine Schule bildete. Nur ironisch sprach er vom Dogmatismus, welcher "die unbestreitbaren Vorzüge eines Katechismus und einer Felddienstordnung auf bestrickende Weise in sich vereint". Immer ging es ihm darum, aufzubrechen, in die Schwebe zu bringen, fragwürdig werden zu lassen, was entweder als borniert natürlich oder als die in der Selbstgewißheit verfügbar gemachte Utopie sich darstellt.

Möglichkeiten und Unmöglichkeiten deutscher Aufklärung

Alles in allem: zuwenig an Zunftgeist, zuviel Weltoffenheit, zuviel Bildung, Differenziertheit, zuviel Liberalität. Zwar ist das alles wichtig genug. Es könnte heilsam sein; es müßte Aufklärung bewirken. Doch es weckt deutsche Wut, das Ressentiment: Erst kürzlich hat Helmut Schelsky ein Plessner-Porträt entworfen, das von Falschinformationen, von Verzerrungen strotzt. Es erreicht seinen Tiefpunkt in der Infamie: Plessner sei ein "Deutschenhasser" gewesen.

Hat man noch immer nichts begriffen? Der tiefe – und tief verzweifelte – Patriotismus in weltbürgerlicher Absicht, wie man ihn bei Plessner und bei so vielen findet, die der Rassenwahn ausstieß und in mörderischer Selbstverstümmelung deutschen Geistes verfolgte: Ist das nicht etwas/was uns wenn schon nicht tief bewegen, dann zum mindesten schweigen lassen sollte?