Von Gerhard Seehase

Eigentlich wollte er schon aufhören. Bei den deutschen Ruder-Meisterschaften Ende Juni in Essen hatte er gegen den 22jährigen Georg Agrikola aus Germersheim den kürzeren gezogen; sein Auftritt bei der internationalen Regatta in Vichy (zweimal nur der dritte Platz) war bescheiden, und selbst sein Sieg auf dem Ratzeburger Küchensee konnte die Ruder-Experten nicht von ihrer Meinung abbringen: Peter-Michael Kolbe ist am Ende.

Heute, wenige Tage vor dem Finale der Ruder-Weltmeisterschaften in München, hat der Deutsche Ruder- Verband nur zwei Boote, denen man einen Medaillengewinn zutraut: den Doppelvierer ohne Steuermann und den Einer. Im Doppelvierer sitzen süddeutsche Skuller aus Ulm und Ingelheim, im Einer sitzt der 28jährige Hamburger Peter-Michael Kolbe.

"Die Rotsee-Regatta in Luzern", sagte er, "war für mich entscheidend, es doch noch einmal zu versuchen." Kolbe ließ hier Mitte Juli die gesamte internationale Konkurrenz, einschließlich des großen Favoriten Uwe Mund aus der DDR, hinter sich. Und er fuhr dabei sogar Rekordzeit – mit einem neuen Boot, das vor allem den Ruder-Fachleuten aus der DDR und der UdSSR einen respektablen Schock versetzte.

In diesem neuen Schiff ist die herkömmliche Konstruktion – rollender Sitz und feste Ausleger – gleichsam umgedreht worden. Die neue Skiff-Konstruktion mit dem festen Sitz und der rollenden Ausleger- und Stemmbrett-Kombination ist für den technisch begabten Skuller aus Hamburg offenbar maßgeschneidert. "Der Vorteil des festen Sitzes liegt darin", sagt er, "daß der Oberkörper ruhiger bleibt und damit auch die Fahrt des Bootes." Den Nachteil spürte er erst während eines dreiwöchigen Trainings in Ratzeburg: Die üblichen Wehwehchen traten nun im verlängerten Rücken auf. Aber das waren nur Wundschmerzen, die sich durch eine kleine Korrektur am Bootssitz beheben ließen.

Peter -Michael Kolbe holte mit seinem neuen Skiff in Luzern jene entscheidenden Sekunden heraus, die ihn wieder ganz nach oben brachten. Das Wunder einer zurückgekehrten Chance wurde sofort einbezogen in die sportliche Kalkulation; der deutsche Meister im Einer, Georg Agrikola, rutschte ins Abseits. Peter-Michael Kolbe kann in München die Goldmedaille gewinnen.

Er war kaum 19 Jahre alt, als er vor einem Jahrzehnt nach Ratzeburg zu dem berühmtesten Ruder-Trainer der Welt, Karl Adam, kam. Karl Adam erkannte sofort das große Talent des schlaksigen Hamburgers. "Kolbe ist eine Ausnahmeerscheinung", sagte Adam damals. "Er ist meiner Meinung nach nicht nur der beste Skuller, sondern auch der beste deutsche Riemenruderer. Wenn er etwa in den Achter wollte, ich würde ihm nicht widersprechen. Genausowenig, wie ich ihm widersprochen habe, als er einmal nicht zum gemeinsamen Training an den Silvrettasee wollte. Vermutlich hätte ein Individualist wie Kolbe nach einem ihm aufgezwungenen Höhentraining viel weniger gebracht."