Von Eckehart Pattock

Memoiren, Tagebücher und Erlebnisberichte ehemaliger NS-Größen und in letzter Zeit zunehmend auch unbedeutender Funktionsträger des nationalsozialistischen Regimes überschwemmen den Büchermarkt. Hatte vor kurzem Hitlers Kammerdiener eine Neuauflage seiner Intimberichte vom Obersalzberg vorgelegt, so konnte Hitlers Adjutant nicht nachstehen. Nicolaus von Below, Träger eines klangvollen Namens in der preußischen Militärgeschichte, legt seine Mitteilungen und Ansichten aus dem Führerquartier vor:

Nicolaus von Below: „Als Hitlers Adjutant 1937–1945; v. Hase & Köhler Verlag, Mainz 1980, 480 S., DM 38,–

Um es vorwegzunehmen: Der Historiker erfährt nichts wesentlich Neues. Das Verdienst Belows liegt in der schonungslosen Offenheit, mit der er hoffentlich auch dem letzten Leser verständlich macht, wes Geistes Kinder sich in Hitlers engster Umgebung befanden. Einen Vorgeschmack demonstriert Below bei seiner Meldung zum Dienstantritt bei Göring mit dem – damals für Offziere absolut ungewöhnlichen – sogenannten Deutschen Gruß. Verständlich, daß er beim Chefadjutanten Hoßbach, der das Vertrauen Becks genoß und sich in der Februarkrise 1938 um Blomberg und Fritsch als charaktervoller und kompromißloser Gegner Hitlers erwies, keine Sympathien fand.

Spätestens seit dem Handkuß des Diktators für Frau von Below in Bayreuth war dieser verhinderte Flieger akzeptiert und aufgenommen, und er blieb es bis zum bitteren Ende – ein Höfling von Hitlers und Görings Gnaden. Seine Zugehörigkeit zum inneren Kreis Hitlers war so intensiv, daß ihm während der gesamten Dauer des Krieges für Frontverwendungen keine Zeit verblieb. So sind auch seine Erzählungen: Es war immer alles „sehr nett und tief beeindruckend“, dort wo seine Standesgenossen Kompromißlosigkeit gegen den „Führer“ zeigten, war er zutiefst enttäuscht. Wenn er sich einmal selber Gedanken über Hitler machte, entdeckte er das „Künstlernaturell“.

Auf eine Mordaktion im besetzten Rußland von einem Augenzeugen aufmerksam gemacht, spricht er nur mit dem SS-Verbindungsoffizier und gibt sich mit dessen zweideutiger Antwort zufrieden. Sein Gewissen war beruhigt, denn er hat „nie wieder von ähnlichen Aktionen gehört“. Er war eben aus „Überzeugung und Vertrauen Hitlers Gefolgsmann“, Der Weg der Opposition schien ihm ganz falsch zu sein. Er war geradezu entsetzt, daß einige die positive Mitarbeit verweigerten oder sogar den Mann bekämpften, den er als „Ästhet und Freund des Schönen“ empfand.

Soweit Below beabsichtigt, einen ausführlichen Katalog der positiven Eigenschaften Hitlers zu geben, ist ihm das gründlich gelungen. Schäbig ist er dann, wenn er versucht, anderen die Ehre abzuschneiden. So will Below dem Leser weismachen, daß dem Widerstand angehörende Offiziere den Nachschub an bedrängten Fronten sabotierten. Oder warum sonst zitiert er seinen Vetter, der als Quartiermeister eines Armeekorps behauptet habe, nach dem 20. Juli 1944 funktioniere die Versorgung wieder einwandfrei? Den Gipfel erreicht Below dort, wo er seine Version von Hitlers Besuch am Heldengedenktag 1943 im Zeughaus ausmalt: Er streitet dem verhinderten Attentäter Gersdorff ab, ein solches Vorhaben geplant zu haben, weil in dessen elegant sitzender Uniform scheinbar kein Platz für Sprengkörper gewesen sei.

Das Buch läßt den Leser ziemlich fassungslos zurück: Wie ist es möglich, daß dem Autor nach so langen Jahren selbst ein Minimum an Einsicht versagt worden ist? Immerhin ein Segen, daß Herr von Below der Bundeswehr erspart geblieben ist.