Von Regina Droge

Zehn Jahrtausende nachdem der Mensch, des Jagens überdrüssig, Schaf, Schwein und Ziege zähmte und sie zu Haustieren heranzog, haben sich Landwirte wieder in der Natur umgesehen und ein neues Nutztier ausgeguckt: Sie züchten Damwild. In lichten Wäldern, bäuerlichen Obstgärten, auf Brachland und Alpenhängen vergattern sie seit einigen Jahren die Hirschfamilien hinter hohen Zäunen zur Fleischproduktion. Rund 1500 Gehege gibt es schon in der Bundesrepublik, und die Expansion geht munter weiter. Wildhändler halten lebendes Damwild zu tausend „auf Lager“, annoncieren Rabattvorteile bei größeren Mengen und bringen sie dem Käufer per Lastwagen „frei Haus“.

Der Bonner Agrarwissenschaftler Professor Günter Reinken: „Nach Abschluß der Pionierphase rechne ich mit beträchtlichen Ausweitungen. Damwildfleisch wird anderes vom Markt verdrängen.“ Dama dama, der europäische Damhirsch ist also auf dem besten Wege, ein Haustier zu werden.

Daß sich die Landwirte nach Beobachtungen des Vereins Deutscher Wildgehege „auf das Damwild stürzen“, ist mit der gestiegenen Nachfrage nach Wildspezialitäten allein nicht, erklärt. Das verträgliche Wesen und die pflegeleichte Art der Tiere gefallen den Bauern. Wilhelm Heinrich Junkers, Züchter in Bad Orb, ist des Lobes voll für das vor’seinem Wohnhaus eingezäunte Wild „Es braucht keinen Stall, es wird nicht gemolken oder geschoren. Es legt keine Eier, ist robust und muß nur im Winter zugefüttert werden.“

Diese Eigenschaften bestachen Mitte der siebziger Jahre auch Reinken, als er in Zeiten „ständigen Kostendrucks und der Notwendigkeit zur Rationalisierung“ die dürre Alternative „Rind oder Schaf“ zur Grün- und Brachlandnutzung erweitern wollte und sich gezielt auf die Suche nach einer Tierart für die Domestikation machte.

Elch und Rentier blieben wegen „beachtlicher Fütterungs- und Haltungsprobleme“ verschont, das Reh war ihm zu wählerisch im Futter, und der Wapiti entzog sich dem Vorhaben durch Aggressivität und jämmerlich zurückhaltende Nachwuchsproduktion in unseren Breiten. Als ernsthafteste Konkurrenz für das Damwild trat der Rothirsch auf, aber der Kleine machte das unfreiwillige Rennen.

Er kommt, weil er nicht so wanderlustig ist, mit zehn Erwachsenen auf einem Hektar zurecht, der Rothirsch nur zu dritt. An den Menschen soll er sich besser gewöhnen, und gräserreiches Futter setzt er gut in hochwertiges Fleisch um. Ist er beim gleichmäßigen Abäsen auf der Weide schon sorgfältiger als ein Schaf, so haben Pflanzensoziologen überdies herausgefunden, daß Damwild gerade solche „Un“-Kräuter und Pflanzen bevorzugt, die der Bauer aus Sorge vor der Verwilderung nicht gern sieht: Ochsenzunge, Löwenzahn, Brennessel und Disteln.