Es gibt keine militärische Verteidigungsmöglichkeit. Eine Sicherheitspolitik, die im Kriegsfall zur Vernichtung von Völkern führt, dessen also, was geschützt werden soll, ist irrational und unvorstellbar. Unsere Sicherheitspolitik enthält aber das Risiko der Völkervernichtung. Wenn dies akzeptiert wird, so folgt daraus weiter, daß jede andere Sicherheitspolitik, die dieses Risiko nicht enthält und die nicht auf der Drohung und Anwendung militärischer Gewalt beruht, rationaler wäre.

Für beide Supermächte, sowohl die USA wie die Sowjetunion, ist ein auf Europa begrenzter taktischer Nuklearkrieg durchaus führbar und eine denkbare politische beziehungsweise militärische Option! Das ergibt sich ja bereits aus der Nato-Doktrin von der „flexible response“ die bekanntlich den „begrenzten“ und „kontrollierten“ Einsatz von Atomwaffen vorsieht; ferner aus der Tatsache, daß die strategische Nukleargarantie der USA unglaubwürdig geworden ist, nachdem die Sowjetunion bei den strategischen Waffen gleichgezogen hat.

Die Abschreckungswirkung der Nato besteht de facto darin, daß die USA der Sowjetunion die Vernichtung Ost- und Westeuropas androhen, dies allerdings glaubwürdig. Die Sowjetunion wird also – sollte sie überhaupt Aggressionspläne haben – von der realistischen Aussicht der Zerstörung Europas abgeschreckt, nicht aber zunächst durch einen unmittelbar ihr angedrohten unerträglichen Schaden. Sollte sie jedoch in einer Krisensituation glauben, daß vitale Existenzinteressen bedroht seien, bräche diese indirekte Abschreckung sofort zusammen.

In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, daß die Nato von einer falschen Vorstellung über künftige mögliche Kriegsursachen ausgeht und damit auch falsche Vorstellungen von den Motiven der sowjetischen Sicherheits- beziehungsweise Rüstungspolitik hat. Da sie Opfer des eigenen Abschreckungs- und Worst-Case-Denkens ist (wie vice versa die sowjetische Führung auch!), unterstellt sie dem Kreml Eroberungsabsichten im traditionellen Sinne (und die militärischen Fähigkeiten, sie durchzusetzen). Dies muß und kann kalkuliert ausgeschlossen werden.

Die Fähigkeiten zum politischen Krisenmanagement sind im Vergleich zu den militärischen und rüstungspolitischen Sicherheitsbestrebungen, die im Kriegsfall ohnehin nichts nutzen würden, deutlich unterentwickelt. Signifikanter Beleg dafür ist die These von der „unteilbaren Sicherheit“. Jeder Konflikt zwischen den beiden Supermächten irgendwo in der Dritten Welt, auf den die Europäer keinen Einfluß hätten, müßte demnach auf Europa durchschlagen.

Das Abschreckungssystem wäre nur dann halbwegs plausibel und beruhigend, wenn es stabil wäre. Es wird aber permanent destabilisiert durch

1. die rapide fortschreitende Waffentechnologie, die nunmehr auch den strategischen Krieg als führbar und gewinnbar erscheinen läßt,