Statt Romanzen und Retuschen: Tier-Bilderbücher mit Informationen

Das Genre der Tierbücher hat eine lange Tradition. Von Mythen, Märchen, Fabeln bis hin zu singenden Elefanten, tanzenden Bären und glücklichen Löwen haben sich Kinder von Tiergeschichten über Jahrhunderte und Generationen hinweg begeistern lassen. Die Faszination ist alt, die erzählerische Absicht wandelt sich. Jene naiv-heiteren Tieridylle der Beatrix Potter aus dem viktorianischen England haben nichts mehr gemein mit einer kritischen Erzählung wie „Watership Down“ von Richard Adams.

Die ökologische Krise ist auch in die Kinderliteratur eingegangen. Im Zeitalter einer gigantischen Plünderung dieses Planeten haben die harmlos netten Tierromanzen, die belanglosen Albereien keine Glaubwürdigkeit mehr. Daß sich ein neues Bewußtsein über gefährdete Natur ohne Kassandrageheul schon Kindern mitteilen läßt, beweisen zwei hervorragende Bilderbücher –

Cécile Curtis, Imme Dros, Harry Geelen: „Im Tal der Tiere“; C. Bertelsmann Verlag, München; 80 S., 22,80 DMWalter Schmögner: „Das neue Drachenbuch“;Insel Verlag, Frankfurt;24 S., 16,– DM.

Schmögners erstes Drachenbuch erschien 1969. Es war die absurde Geschichte eines Drachens, der an einem Sängerwettbewerb teilnimmt und ein Kofferradio gewinnt; das war eine hübsche Spielerei: Jux, Nonsens, Komik.

„Das neue Drachenbuch“ läßt einen neuen Schmögen erkennen, dessen Lust und Liebe nicht mehr nur dem „Skurrilen, Satirischen Vertrottelten, Makabren und Unendlichen“ gehören – wie er das selbst formuliert hat. Der Plot seiner bizarr-brillant gezeichneten Story schnurrt keineswegs aufs Komische zusammen. Der rotgetüpfelte Drache und seine Freunde entdecken voller Trauer und Entsetzen, daß Gift, Gestank, Dreck, Lärm, verseuchte Gewässer und menschliche Profitgier das Leben auf diesem Planeten zu ersticken drohen. Erschreckt von der düsteren Vision einer Totalkatastrophe stürmen die Tiere auf einen Berg. Schmögner verweigert seinen kleinen Lesern das obligate Happy-End.

„Warum liebt ihr uns nicht? Warum denkt ihr immer nur an euch? Ohne uns könnt ihr nicht leben! Wißt ihr das nicht? Hört auf, die Welt zu zerstören! Hört endlich auf! Uns und euren Kindern zuliebe Das schreit der Drache vom letzten grünen Fleckchen herunter auf die aschgraue, trostlose Industriesiedlung, wo zwischen den Giftschwaden aus Fabrikschloten Werbeplakate zur Superhygiene aufgestellt sind.