ARD, Sonntag, 30. August: „Die Christen“, 1. Teil: „Der Neue Bund“, von und mit Bamber Gascoigne

Ja, das sieht nach britischer Qualitätsarbeit aus, diese Zubereitung der Geschichte unserer Christenheit, in dreizehn Folgen, deren erste, den Neuen Bund betreffend, am vergangenen Sonntag zur Darbietung kam. Da wird kein Wort zuviel gesprochen; Pathos und blumige Rede sind verpönt; eine, nüchterne religionswissenschaftliche Betrachtungsweise dominiert; jedes zitierte Detail steht, in den gebührenden historischen Kontext gerückt, stellvertretend für Kontext Geschehen; und unter Verzicht auf Arabesken interpretiert, von Fachwissenschaftlern beraten, Autor Bamber Gascoigne die Generalereignisse christlicher Geschichte: den Zug von Ost nach West, von der Provinz, in der man Aramäisch spricht, ins Zentrum der Welt, von Jerusalem nach Rom, ein Weg, an dessen Wendepunkt die Verwandlung der Bauern-Fischer-und-Hirten-Sekte in die lateinische Gemeinde der Staatsreligion steht.

Gelassen und souverän wurde Auskunft erteilt, dem Glauben das Seine gegeben und der Wissenschaft das Ihre belassen: „Ob Jesus Gott, Mensch oder Mythos war – das sei ebenso dahingestellt wie die Frage, ob Bethlehem tatsächlich Jesu Geburtsstätte war oder nur um der Übereinstimmung mit alttestamentarischen Prophetien willen ausgewählt wurde – der Theologie und nicht der historischen Wahrheit zuliebe.“

In der Tat, das will gekonnt sein: drei, vier Sätze – und schon gewann die Besonderheit der christlichen, auf einen Elenden, Geschundenen und Gescheiterten eingeschworenen Religion Anschaulichkeit; zwei knapp zupackende Bemerkungen und schon stand der Römer, Jude, Grieche Paulus dem Betrachter leibhaftig vor Augen, erhielt die Gestalt des zwischen drei Sekten entscheidenden Konstantins Profil – des Kaisers, Sohn eines Soldaten und einer als Schankwirtin und Konkubine übel beleumundeten Damen namens Helena, die später – fromme Palästinapilgerin, die sie war – als Heilige in den christlichen Himmel einkehrte.

Ein vorzüglicher Text also – dazu einprägsame Bilder, die im Jetzt, der orientalischen Welt von heute, das einst mit seinen Wundertaten, Trostpredigten und Missionsreisen sichtbar machten: Unvergeßlich die Vision vom See Genezareth und vom Jerusalem der betenden Juden; daneben freilich auch etliche kuriose Wortverdoppelungen. Die Verwandlung der Sonne ins Kreuz, das brennende Rom, der Ausbruch des Vesuvs – dergleichen wirkte denn doch ein wenig wie Kitschzauber in Aquacolor. Hier hatten die Worte genügt.

Doch das sind Schönheitsfehler – kleine Mißhelligkeiten wie die inkonsequente Anführung des Begriffs „heilig“ – wenn schon „Heiliger Markus“, dann auch „Heilige Helena“ – oder die falsche Betonung von Namen und falsche Aussprache lateinischer Worte in der deutschen Fassung, die sich bei größerer, von Respekt vor der auf Genauigkeit abzielenden englischen Fassung, leicht hätten vermeiden lassen.

Sei’s drum: der Gesamteindruck dieser nüchternen, in Bild und Wort gleichermaßen überzeugenden Beschwörung christlicher Anfänge bleibt davon unberührt... Und dies um so mehr, als es dem Autor gelang, das Vergangene, Punkt für Punkt, durch Bezüge zur Gegenwart zu vertiefen: Was für eine Religion ist das, die auf Gewaltlosigkeit verzichtet, Gewaltanwendung gegen andere für sakrosant erklärt hat?

Das erschütterndste Bild der ersten Folge: ein Silberkreuz, das, wie ein Amulett, über der Brust eines in Beirut mit seiner MP fuchtelnden Scharfschützen hing. Momos