ARD, Mittwoch, 9. September, 20.15 Uhr: "Der König und sein Narr", Fernsehspiel nach dem Roman von Martin Stade

Ein Männerfilm: Der Wein fließt, der Tabak knastert, und man geht auf Sauhatz; ein Weib wird jovial dem Freund verschoben; Machtkampf mit offenem Visier, man umarmt sich und haßt sich, wirbt um einander, speit sich an. Aber der eine ist mächtig und pragmatisch, ist der (spätere) Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., der andre ein cholerischer Rationalist: Professor Gundling, alsbald Hofrat und anderes mehr beim König.

Ein sonderbarer Film. Wunderschön anzusehen, herrlich photographiert vom einstigen DDR-Kameramann Marczinkowski (so großräumig und atmosphärisch, daß man’s für einen Kinofilm hält), mit Dialogen voll Witz und Schärfe – das Drehbuch schrieb Ulrich Plenzdorf, also auch nicht grad irgendwer –, Regie Frank Beyer, einer der besten DDR-Regisseure (der damit seinen ersten Film im Westen drehte); Kostüme prachtvoll, Farben satt, und die Schauspieler –: also dieser Arbeiterkönig des Götz George, wie der im Saft, seiner Machthaberei brutale Jovialität verstrahlt, und wie Wolfgang Kielings Hofrat mehr und mehr in Ängsten Und endlich in Rotwein zerfließt! Ganz außerordentlich gelungen. Aber: worum geht es eigentlich?

Doch wohl um den Zusammenprall von Geist und Macht zum einen – und das hieße, um den Clinch zweier, kraftvoller Personen; zum andern um den Kampf zwischen Geist und Macht, wie er sich in Gundling selbst abspielt: Wird ihn seine Karriere so weit korrumpieren, daß er dem König mehr nach dem Munde redet als bisher? Wird gar der Geist die Macht an sich reißen? Aber ach, die Geschichte wenn auch historisch, entbehrt einer dramatisierbaren Schlüssigkeit. Ein Roman mag daraus allemal werden, und Martin Stade hat ihn unterm gleichen Titel "Der König und sein Narr" 1975 in der DDR geschrieben. Es ist darin jedoch kein dramatischer Konflikt zu finden. Dieser König spielt nur ein wenig mit seiner Maus, dieser Gelehrte weiß von vornherein, daß er bloß Maus ist.

Im Film sagt der ständig mit neuen Titeln überhäufte Gundling zwar: "Ihr erhöht mich nur, um mich zu erniedrigen", der Zuschauer aber wähnt, es müsse doch mehr dahinterstecken. Götz George wirkt denn doch zu sympathisch, seine perückenlose Vorarbeiterhaltung im Lederschurz, dieses ärmelaufkrempelnde Zupacken suggeriert, es drehe sich eben doch um das mähliche Zueinanderfinden zweier Gestalter eines neuen, schöneren Staates. Dies ist eine Irreführung, um uns "bei der Stange" zu halten.

Im Vorüberhuschen erledigt das Drehbuch die negativen Taten des Monarchen und läßt uns weiter (und schließlich vergebens) auf das Positive warten. Sollte dies gar der tiefere, sehr verborgene dialektische Trick des Filmes sein? Wer genau hinhört, kriegt etwa mit, daß des Königs Umkrempelung eines luxurierenden Staatswesens in einen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenstaat auch Nachteile hat, die seinem harschen Nützlichkeitsstreben widersprechen: Mit dem Hinauswurf der Künstler und Gelehrten sind auch deren Produkte ins Ausland gegangen und nur gegen Devisen wiederzubekommen. So heißt es, vor der harten Rekrutierung flöhen vor allem die gelernten Handwerker ins Ausland; so besetzen nunmehr unfähige Lakaienseelen die oberen Posten, weil die Denkenden und also Widersetzlichen entlassen und inhaftiert wurden...

Doch all das sind Marginalien in einer Handlung zwischen zwei Männern, die nun mal den Film bestimmt – ohne ihre Notwendigkeit zu beweisen.

Michael Skasa