Von Josef Joffe

Wien, im September

Von Helmut Qualtinger, dem bitterbösen Kommentator österreichischer Lebensart, wird der Spruch überliefert: „Es fällt schwer, nicht der Ironie zu verfallen.“

Am leisten Samstag starben, bei einem Anschlag auf die Wiener Synagoge zwei Menschen unter den Feuerstößen palästinensischer Terroristen; zwanzig weitere, darunter zwei Polizisten, wurden zum Teil schwer verletzt. Und schon am Sonntag kannte Bundeskanzler Bruno Kreisky die wahren Schuldigen. Er wußte nicht nur, daß die PLO keinerlei Verantwortung an dem Anschlag trage; er wußte auch, daß an derlei „Exzessen die unversöhnliche Politik der Israelis gegenüber den Palästinensern schuld“ sei. Der Mord als politischer „Exzeß“, die Mörder als Handlanger der Opfer – so verkündet im deutschen Kneipp-Kurort Bad Wörishofen.

Ende Juli verhafteten Mitglieder der Anti-Terror-Einheit „Kobra“ (Österreichs Antwort auf die GSG-9) zwei Reisende in Sachen Fatah auf dem Wiener Flughafen Schwechat. Zum Empfang der beiden Ankömmlinge aus Damaskus war auch ein Mann namens Ghazi Hussein erschienen; er leitet das PLO-Büro in Wien. Das Gepäck der PLO-Troupiers enthielt eine Kalaschnikow-Maschinenpistole, vier Sturmgewehre, sechs Handgranten und neunzehn Magazine mit 525 Patronen. Die beiden Waffentransporteure waren nach eigenem Bekunden von der Fatah, der mächtigsten Palästinensergruppe, nach Wien beordert worden, um die dortige PLO-Repräsentanz gegen Mörder in den eigenen Reihen zu schützen. „In einem der vermutlich raschesten Strafverfahren der Zweiten Republik“ (Arbeiter-Zeitung) wurde der eine zu neun Monaten verurteilt, der andere freigesprochen. Sechs Tage später wurden beide abgeschoben.

Der österreichische Innenminister Erwin Lanc wußte damals schon seit Wochen, „daß hier eine gewisse Vorbereitungstätigkeit von Kräften festzustellen ist, die nach allen Erfahrungen der terroristischen Szene zuzurechnen sind“. Und mehr noch: Ein mysteriöser Fremder hatte nächtens gar das Haus des Bundeskanzlers „von einer Feuerleiter aus... beobachtet“, wie Lanc schon Mitte Juli berichtete – als die Meuchelpläne einer Palästinenser-Splittergruppe gegen den Kanzler ruchbar wurden.

„Die Fahndung nach dem Mann“, so der Innenminister, „ist aber im Sande verlaufen.“ Genauso wie die Fahndung nach dem Mörder von Heinz Nittel, des Wiener Verkehrsstadtrates und Präsidenten der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, der am 1. Mai mit drei präzisen Kopfschüssen niedergestreckt wurde. Oder die Suche nach den Bombenlegern, die im April 1979 eine Höllenmaschine im Jüdischen Gemeindezentrum in der Wiener Seitenstettengasse hochgehen ließen. 20 Minuten nach der Explosion bekannten sich die palästinensischen „Adler der Revolution“ zu dem Anschlag; im Fall Nittel reklamierte eine Gruppe mit dem langatmigen Namen „Nationale Palästinensische Befreiungsbewegung Fatah, Generalkommando der Kräfte Assifa“ die Ehre, „den bekannten zionistischen Agenten exekutiert“ zu haben.