Seit April 1979 steht der Gebäudekomplex in der Seitenstettengasse immerhin unter Polizeischutz. Die Synagoge aus der Biedermeier-Zeit ist die einzige Wiens, die in der "Reichskristallnacht" nicht niedergebrannt wurde, weil die "Veranstalter" das Uberspringen der Flammen auf die dichtgedrängten Nachbarhäuser fürchteten. Am vorigen Samstag patrouillierten zwei Polizisten den schmalen Straßenschlauch. Sie schafften es nicht, ihre Pistolen zu ziehen. "Den einen hat’s richtig rausgehoben, als ihn die Kugeln trafen", berichtete Wolfgang Kopaz, der Geschäftsführer des Gemeinderestaurants "Caesarea" an der Ecke Seitenstettengasse/Judengasse.

Leon Zelman stand um 11.30 Uhr in der Vorhalle der Synagoge. "Ich hörte zwei Donnerschläge. Dann setzte meine Erinnerung aus. Ich habe nur gespürt, man muß Angst haben. Es war wie damals, als die Deutschen nach Lodz kamen und ich mich – ich war elf Jahre alt – im Keller versteckte."

Die Seitenstettengasse im Ersten Wiener Bezirk ist der Traum aller Terroristen. Die Straße, eine kurze Fußgängerzone, ist vielleicht 5,6 Meter breit, eingezwängt zwischen aufragenden glatten Fassaden, die niemandem Deckung, geschweige denn die Flucht erlauben. Zwei Mann mit Maschinenwaffen, am Anfang und am Ende des Schlauches postiert, reichen aus, um die Straße zu beherrschen. Zwei Mann waren es auch, die sich am vorigen Samstag kurz vor halb zwölf an den Eingängen postierten. In ihren unauffälligen Reisetaschen steckten je eine polnische Maschinenpistole vom Typ PN-63 (mit abklappbarem Metallschaft und 25 Schuß 9-mm-Munition) und drei Handgranaten.

Der Zeitpunkt war vorzüglich gewählt. Um halb zwölf endet der Sabbat-Gottesdienst im "Stadttempel". Normalerweise strömen dann etwa 150 Menschen aus dem Synagogentor in die Gasse, um dort noch bei einem Schwatz beisammen zu bleiben: 150 Zielscheiben auf engstem Raum zusammengeballt. Das Blutbad war programmiert, der Lebensretter ein Zufall. Am vorigen Samstag folgte auf den Gottesdienst ein Empfang zu Ehren des 13jährigen Jan Stühler, der an diesem Tag seine Bar Mizwa (Einsegnung) feierte. Anstatt wie üblich das Gebäude gleich nach Bet-Ende zu verlassen, begaben sich die Gläubigen zur Gratulationscour in den ersten Stock, wo diverse Erfrischungen bereitstanden. Und die beiden Terroristen, beide 25 Jahre alt, verloren die Nerven. Sie drückten ab, bevor sich noch genügend Ziele boten. Dann warfen sie Handgranaten in die Straßenschlucht.

Als erste gingen die Polizisten zu Boden. Und wieder kam den Mordschützen ein Zufall in die Quere. In der Synagoge befand sich nicht nur der Textilfabrikant Leopold Böhm, sondern auch sein Leibwächter, den er sich zugelegt hatte, nachdem vor Jahren seine Frau entführt worden war. Der Mann zog eine Pistole – und traf einen der Terroristen in den Bauch. Der andere versuchte zu fliehen – und lief Amok. Wild um sich schießend rannte er die Seitenstettengasse hinauf, ein Straßentreppchen hinunter auf den Bauernmarkt, dann weiter in Richtung Stephansplatz. Eine seiner Kugeln traf den 68jährigen Rentner Nathan Fried; er verblutete, bevor ihn die Ärzte retten konnten. Ein anderes Geschoß durchbohrte das Herz der 25 Jahre alten Ulrike Kohut, die sich schützend über das dreijährige Kind ihrer Freundin Malvine Kohn geworfen hatte. Die Polizei konnte ihn erst mehrere hundert Meter weiter überwältigen.

Augenzeugen wollen gehört haben, wie die beiden Terroristen während der Schießerei laut "PLO, PLO" gebrüllt hätten. In ihren Wohnungen fand die Polizei PLO-Fahnen, Arafat-Porträts und PLO-Schriften, dazu einen Aktenkoffer mit der Aufschrift "Ich bin ein freundlicher Wiener" und eine Plakette mit der frohen Botschaft "Frieden schaffen – ohne Waffen".

Eine gelegte Spur? Logik und Indizen sprechen dafür. In Beirut verdammte die PLO den Anschlag sofort als "feigen und kriminellen" Akt; am Montag verkündete ihr Sprecher Machmud Labadi im österreichischen Fernsehen, daß der Terrorangriff das "wahre Gesicht der PLO deformieren" sollte. In der Tat finde auch eine paranoide Phantasie schwerlich einen Grund, weshalb PLO-Chef Jassir Arafat ausgerechnet seinen Freund Kreisky (Arafat: "Für uns gibt es nur zwei heilige Juden – Christus und Kreisky"), und dann noch in dessen Hauptstadt, auf derart mörderische Weise kompromittieren würde.