Von Klaus Rühl

El ist wirklich so, den letzten Anstoß, eine Radtour an den Atlantik zu machen, gab das Chanson von Erika Pluhar „Das kann doch nicht alles gewesen sein“. Sollte sich mein Jugendtraum nie erfüllen? Der Entschluß loszutadeln wurde dadurch erleichtert, daß ich einen Freund fand, der mitfuhr. Ziel sollte die Ile de Ré bei La Rochelle sein.

In zehn Tagen wollten wir die 1300 Kilometer TOP Nürnberg zu unserer Trauminsel im Atlantik zurücklegen. Unser Training zu Hause bestand darin, ein- bis zweimal wöchentlich 50 bis 60 Kilometer zu fahren. Das war nicht genug, wie sich herausstellte. 130 Kilometer täglich sind für einen routinierten Fahrer sicherlich ein Klacks, für zwei Mittvierziger, die das Radfahren nur sporadisch betreiben, jedoch nicht.

Zum Glück hatten wir nicht den falschen Ehrgeiz, unter allen Umständen auf die Benutzung eines Zuges zu verzichten. So nahmen wir denn bereits am zweiten Tag die Dienste der Deutschen Bundesbahn und am letzten Tag für ein kurzes Stück einen der eleganten Züge der SNCF in Anspruch. Ersteren, weil wir völlig durchnäßt waren, letzteren, weil die Versuchung zu groß war, einen Tag vor unseren nachreisenden Familien auf der Insel zu sein und mehr noch, uns einen Tag im komfortablen Hotel „Le Richelieu“ von den ungewohnten Strapazen zu erholen.

Unsere Route führte von Nürnberg über Schwäbisch Hall – Karlsruhe – Baden-Baden – Haguenau–Sarrebourg–Nancy–Chaumont–Avallon–Bourges–Poitiers nach La Rochelle. Die Tagesetappen wurden so festgelegt, daß wir nach Möglichkeit am Abend ein Restaurant mit Michelin-Stern erreichten. Schließlich brauchten wir bei der abendlichen Völlerei keine Gewissensbisse zu haben: Wir hatten entsprechend Kalorien verbraucht und uns unsere vier bis fünf Gänge redlich verdient. Was uns allerdings auffiel: Die französischen Restaurants scheinen von den Michelm-Inspektoren einen zusätzlichen Bonus zu erhalten. Die soviel geschmähte deutsche Küche erschien uns jedenfalls von Frankreich aus in einem viel besseren Licht.

Höhepunkt der „Tour des Gourmets“ war die vom Michelm-Führer mit zwei Sternen dekorierte „Hostellerie de la Poste“ in Avallon. Bei der Ankunft zwar belächelt, weil man glaubte, wir hätten uns verirrt, wurden wir dann trotz verschwitzter Radfahrer-Kluft anstandslos akzeptiert, Es stimmt tatsächlich und ist nicht nur eine Floskel: Radfahrer sind in Frankreich hoch angesehen.

Aber nicht nur kulinarisch ist Avallon hervorzuheben. Die Gegend dort (Vézelay) ist für Pedalleure zwar wegen ihrer Hügel nicht unbedingt ideal, dafür aber um so reizvoller. Man meint das Chlorophyll förmlich zu riechen. Zu den unangenehmen Kapiteln gehörte dagegen der vorangegangene Besuch in Nancy. Nicht nur, weil uns die Stadt nicht gefallen hat, sondern weil auf dem Weg nach Toul ein langer, nicht enden wollender Berg aus dem Moseltal herausführt.