Von Klaus Viedebantt

In einem sind sich die Auguren einig: Im nächsten Jahr werden die Urlaubsreisen, sofern sie aus dem Veranstalterkatalog gekauft werden, spürbar teurer als bisher. Die Aufschläge werden deutlicher ausfallen als bisher, und die Zeit, da die "Ware" Ferienreise immer billiger wurde, ist vielleicht auf immer vorbei.

Andererseits wird es aber wohl auch noch lange dauern, bis wir wieder so viel arbeiten müssen für die Reise in den Urlaub wie einst, als die Ferienfahrt allmählich für jedermann erschwingbar und zum Eckpfeiler der Jahresplanung wurde. Das ist so lange noch gar nicht her, auch wenn uns heute die Reise in den Süden als längst verbrieftes Recht erscheint. Mitte der sechziger Jahre war all dies noch keine Selbstverständlichkeit. Damals mußten die meisten Menschen auch noch einen weitaus höheren Anteil ihres Lohns für die Ferienfahrt ausgeben als heute.

Der durchschnittliche Brutto-Stundenlohn lag 1965 in der Bundesrepublik bei 4,26 Mark, er stieg – in Fünfjahressprüngen gemessen – über 6,20 Mark und 9,80 Mark auf 13,36 Mark im Jahre 1980. Binnen fünfzehn Jahren hatte sich der Lohn also fast verdreifacht. Die Reisepreise haben sich dagegen nur annähernd verdoppelt. Das Reisen wurde erschwinglicher, die ganze Welt rückte immer näher. Das Resultat ist bekannt: Die Deutschen wurden "Weltmeister im Reisen";

Einige Beispiele sollen die Preisentwicklung belegen, zuerst in dem Land, das die Deutschen mit der Seele suchen und in Millionenschar alljährlich heimsuchen – Italien. Die Hannoveraner Touristik Union International (TUI) bot 1965 eine 15-tägige Flugreise nach Capri mit Übernachtung in der Pension "Reginella" und Vollpension für 670 Mark an. Unser statistischer Durchschnittslohnempfänger mußte dafür rund 157 Stunden schaffen. 1970 kostete dieselbe Reise, auf 14 Tage umgestellt, zwar 28 Mark mehr, aber dafür mußten nur noch 113 Stunden gearbeitet werden. 1975 wechselte das Unternehmen in die vergleichbare Hotelpension "Esperia". Der Preis kletterte kräftig auf 767 Mark, doch das entsprach nur noch 78 Arbeitsstunden. 1980 gab es, wieder in die Pension "Reginella" zurückgekehrt, statt der gewohnten Voll- eine Halbpension. Hier kehrte sich der Trend erstmals um: Bei verminderter Leistung (die Pension war allerdings besser ausgestattet) stieg nicht nur der Preis auf 1115 Mark, unser Arbeiter mußte dafür nun auch sechs Stunden mehr leisten. Im laufenden Jahr kostet dieser Capri-Aufenthalt 1139 Mark, die Lohnrate ist noch nicht bekannt.

Das zweite Beispiel soll Mallorca gelten. Das einstige Domizil der Reichen und Schönen ward binnen weniger Jahre zur "Putzfraueninsel" (was dem Reiz Mallorcas außerhalb der Massenstrände keinen Abbruch tat). Neckermann und Reisen (NUR), dem unzweifelhaft der Ruhm gebührt, aus dem Ferienflug ein Volksvergnügen gemacht zu haben, gehörte auch zu den "Machern" von Mallorca. Im Jahr 1965 verlangte NUR für zwei Wochen im Hotel "Gran Playa" in Can Picafort einschließlich Vollpension 459 Mark (Abflug in Düsseldorf, ohne Saisonzuschläge). Das entsprach 108 Arbeitsstunden. 1970 kostete dieselbe Offerte 488 Mark oder 79 Arbeitsstunden. Weitere fünf Jahre später hieß es auf der Rechnung: 553 Mark, das waren nur noch 57 Stunden. Zu Beginn dieses Jahrzehnts ging NUR, bis dahin als immer billiger Möglichmacher bekannt, in die Vollen, um die wachsenden Kosten abzudecken. Jetzt kostete die Reise fast 300 Mark mehr, nämlich 839 Mark. Das entsprach sechs Stunden Mehrarbeit. Im laufenden Jahr wird sich dieser Vergleich wieder zugunsten der Stundenzahl verschieben, denn NUR hat, nach einem Fiasko in Spanien, den Preis sogar auf 809 Mark gesenkt.

Jugoslawien war immer ein preisgünstiges Reiseland, es ist eines der wenigen Ziele, in dem die Mark heute noch mehr wert ist als hierzulande. Als NUR 1965 in den "Pavillons Topla" in Dubrovnik seine Gäste für zwei Wochen bei voller Verpflegung einquartierte, mußten sie, ehe sie in Frankfurt die Flugzeuge bestiegen, 430 Mark zahlen. Dafür hatten sie zuvor 101 Stunden gearbeitet. 1970 waren es 448 Mark oder 72 Stunden; zur goldenen Zeit des Tourismus, 1975, mußte der Arbeiter für den Reisepreis von 487 Mark 50 Stunden an der Werkbank stehen – eine Woche Arbeit für zwei Wochen Urlaub. Fünf Jahre darauf stiegen die Kosten zwar drastisch auf 758 Mark, aber der Stundenaufwand hielt sich mit 57 in Grenzen. In diesem Jahr wurde Dubrovnik im Gegensatz zu Mallorca indes nicht billiger, im Katalog steht die Reise zur Zeit mit 818 Mark.

Die Eisenbahn konnte dem Boom am Ferienhimmel nicht folgen, das nahe Österreich am Charterflugnetz kaum teilhaben. Aber beide hatten den Vorteil, schon vor der Charterflugepoche mit günstigen Preisen werben zu können. Bei der TUI hatte man 1965 für 15 Tage in Gollings "Goldenem Stern" (Bahn ab Frankfurt, Halbpension) 270 Mark hinzulegen, 1970 waren es 362 Mark, 1975, als die Zimmer Duschen statt der Wasserbecken erhalten hatten, 555 Mark. Der Ausbau ging voran, die Zimmer haben jetzt "Naßzellen", die Fahrt findet im komfortablen TUI-Ferienexpreß statt. Das hatte 1980 seinen Preis, nämlich 755 Mark. Diesem stattlichen Aufschwung von 270 auf 755 Mark steht dennoch ein bescheidener Arbeitsaufwand entgegen, er sank von 63 Stunden auf 58 Stunden im Jahr 1970 und ist seither bei 57 Stunden konstant.

Gewiß, diese Statistik hilft nicht viel, wenn dennoch Ebbe in der Urlaubskasse ist. Und das wurde in jüngster Vergangenheit häufiger registriert. Ein schnell populär gewordenes Gegenmittel ist die Ferienwohnung, die Sparmöglichkeiten bei den Nebenkosten, besonders bei Speisen und Getränken, bietet. Das Deutsche Reisebüro (DER) hatte erst 1968 Ferienwohnungen in Rickenbach-Rüttehof (Schwarzwald) im Programm, damals lag der Durchschnittslohn bei 4,87 Mark. Die Ferienwohnung (für 4 Personen) war für 146 Mark je Woche zu mieten, so der Preis in der Hochsaison und ohne Anreise. Das entsprach 30 Arbeitsstunden, gut 7 Stunden je Mieter. 1970 waren es 168 Mark und 27 Stunden, 1975 dann 218 Mark und 22 Stunden, der Aufwand blieb 1980 unverändert, obwohl die Rechnung auf 288 Mark geklettert war. In diesem Jahr war das Schwarzwald-Heim allerdings weniger günstig: Ein neuer Besitzer hatte renoviert, das schlug mit 398 Mark zu Buche.

Noch immer gilt die Faustregel "Wer billig reisen will, nimmt sein Auto". Das ist zwar eine Milchmädchenrechnung, wenn man die Betriebskosten zugrundelegt, stimmt aber, wenn nach verbreiteter Art nur die Tankquittungen addiert werden. Dem Preisgalopp der Ölkonzerne zu folgen ist derzeit ein mühsames Ding, bleiben wir aber im Vergleichszeitraum von 1965 bis 1980, so ist die Benzinrechnung für die Ferienfahrt mit immer weniger Arbeitsstunden beglichen worden. Für eine 1000-Kilometer-Tour (bei 9 Liter Verbrauch) mußte der Arbeiter 1965 noch 12 Stunden werken, 1970 sank die Stundenzahl um ein Drittel, bei 8 Stunden blieb sie auch 1975 und 1980, als der Benzinpreis über die Mark-Grenze stieg, waren es nur sieben Stunden. In dieser Berechnung kann uns aber Ende dieses Jahres eine böse Überraschung erwarten.

Auch die Bilanz des Autokonkurrenten Eisenbahn wird Silvester anders aussehen als vor Jahresfrist, dafür sorgen schon die beiden Tariferhöhungen in diesem Jahr. Die Bahn hatte es schwer, mit dem expandierenden Flugtourismus mitzuhalten, sie war vergleichsweise teuer. So kostete 1965 die Fahrt von Hamburg nach Garmisch-Partenkirchen schon 106 Mark, dafür stand der Arbeiter 25 Stunden an seinem Platz. 1970 mußte er zwar nur noch 19 Stunden arbeiten für das jetzt 116 Mark teure Ticket, aber 1975, als Flugreisen sehr günstig waren, mußte er wieder 22 Stunden schaffen, um die 214 Mark aufzubringen. In dem Bundesbahn-Auf-und-Ab kam 1980 wieder ein Preistal, erneut waren es 19 Stunden, die für den 252-Mark-Fahrschein notwendig waren. Der gegenwärtige Preis: 288 Mark. Hier wurden die Grundpreise in der zweiten Klasse berechnet, fairerweise muß erwähnt werden, daß die Bahn eine Vielzahl von Rabatten für Urlaubsfahrten feilbietet.

Das Fazit: Urlaubsreisende mußten im vergangenen Jahr zwar meist – und zum erstenmal seit 15 Jahren – etwas länger arbeiten für ihre Ferienwochen. Aber es muß immer noch deutlich weniger geschafft werden als zu Beginn der siebziger Jahre – von den teureren "goldenen sechziger Jahren" gar nicht zu reden.