Von Manfred Sack

Die Spötter haben längst aufgehört, die IBA als "iebaflüssig" oder "iebatrieben" zu verspotten. Seit der CDU-Minderheits-Senat Richard von Weizsäckers in seiner Regierungserklärung fand, das Tätigkeitsfeld der "Internationalen Bau-Ausstellung" in Berlin müsse "klarer beschrieben und auch geographisch weiter eingegrenzt werden", melden sich immer mehr Verteidiger zu Wort. Der Deutsche Werkbund warnt vor dem "revidierten Konzept" und einem verhängnisvollen Torso; der Berliner Bund Deutscher Architekten beschwört den Bausenator, mit der verminderten Stadterneuerung in Kreuzberg das Prinzip (der IBA) nicht in Frage zu stellen, und der Bonner BDA ermuntert den Regierenden Bürgermeister, die Stadterneuerung statt dessen sogar zu verstärken. Der rührige Verein SO 36 e. V., hervorgegangen aus dem couragierten Versuch, "Strategien für Kreuzberg", also die Wiederbelebung seiner tödlich bedrohten Viertel zu entwickeln, lobt die "Konkurrenz zwischen der Baubürokratie und der IBA" und fürchtet ebenso wie Mietervertretungen oder die Tabori-Kirchengemeinde um ihren verständnisvollsten Verbündeten: die (von 1984 an geplante) IBA.

Die "wenigen Blöcke", von denen der neue Bürgermeister gesprochen hatte, zählt sein Bau-Senator Rastemborski bald genauer: auf ganze vier Blöcke, alle am Heinrichplatz gelegen, vier von etwa zwei Dutzend, solle die IBA beschränkt werden – eine Katastrophe nicht nur für die ganze Unternehmung und ihre Ziele, sondern für die Stadt Berlin. Erstaunlich ist vor allem, daß der neue Senat dafür offenbar Applaus aus der IBA selber bekommt: von dem für die Verwaltung zuständigen Planungsdirektor Hans-Joachim Knipp, der schon beim vorigen Senator gesagt hatte: Keine Experimente mehr in der IBA!

Die Verkleinerung des Stadterneuerungsprogramms, das neben den Neubauprojekten im demolierten Berlin (vor allem der südlichen Friedrichstadt) das für den Stadtfrieden wichtigere Thema der IBA ist, läßt auf eine beängstigende Ahnungslosigkeit der CDU schließen. Und offensichtlich sind Regierungserklärung und Reduzierungsabsicht formuliert worden, ehe sich die Politiker haben genau unterrichten lassen, worum es geht und was auf dem Spiele steht – etwas, das sie kürzlich nachgeholt haben.

Welche Gefahr Berlin mit dem Ansinnen der Politiker droht, deutet ein Satz an, den man so oder ähnlich zu hören bekommt: Wenn Kreuzberg umkippt, brennt die ganze Stadt.

Die IBA ist eine außergewöhnliche Institution, vollständig anders als alle Bauausstellungen vorher, einzigartig vor allem, weil der größte deutsche Stadtstaat die Courage hatte, seine schwerfällig agierende, stumpf reagierende Bauverwaltung in Frage zu stellen, ihr also in Gestalt einer GmbH einen Konkurrenten zu schaffen: Vierzig engagierte Architekten und Planer zum Teil nur mit Jahresverträgen. gegen eine Behörde von zweieinhalbtausend Fachleuten. Freilich hatten die Gründer dann aber versäumt, auch politisch dafür zu sorgen, daß den Dauerkonflikten Lösungen eröffnet werden, daß die Neuerungen, Erfahrungen, Anregungen, die diese Konkurrenz hervorbringt, nicht nur verächtlich gemacht oder blockiert, sondern aufgenommen werden.

So droht die wichtigste Eigenschaft dieser Institution, die der Architektur-Theoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm in einer schönen Wendung "die Utopie des unmittelbaren Zugriffs" nannte, "von der jeder" (besonders in den bürokratischen Apparaten) "einmal geträumt hat", niemanden mitzureißen. Zumal in diesen Wochen, da der Auftrag, nach neuen Möglichkeiten zu suchen, "die kaputte Stadt zu retten", außer Kraft gesetzt zu werden droht.