Von Gero von Boehm

Der kleine Schwarzweiß-Bildschirm zeigt ein für das ungeübte Auge schwer durchschaubares Gewirr aus Schatten und Strukturen. Immer wieder neue Bilder bauen sich auf. Schließlich vertraute Umrisse: Das könnte ein Kopf sein.

„Der Fötus liegt sehr schön“, meint der Arzt. Er tastet mit dem Ultraschallsensor auf dem Bauch einer Schwangeren herum. Birgitta M., 39, ist von der genetischen Beratungsstelle zur Fruchtwasserentnahme, der „Amniozentese“, geschickt worden. Denn das Risiko, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, steigt mit dem Alter der Mutter.

Die feine Nadel gleitet durch die Bauchdecke, auf dem Monitor wird der Vorgang beobachtet, die Position überprüft. Dann kommt das Fruchtwasser aus der Nadel. Im Labor werden Mediziner daraus Zellen des entstehenden Kindes entnehmen und verschiedene Tests durchführen. Sie werden eine „Landkarte“ der Chromosomen anlegen, um mögliche Veränderungen an diesen Trägern des menschlichen Erbguts sichtbar zu machen.

Neben dem Mongolismus, der durch ein überzähliges Chromosom Nr. 21 ausgelöst wird, lassen sich auch Störungen wie die „Trisomie 13“ oder das „Katzenschrei-Syndrom“ durch Amniozentese vorhersagen. Bei beiden Leiden kommen die Kinder mit Schweren Mißbildungen und geistigen Behinderungen auf die Welt. Darüber hinaus können mit der Methode Anomalien entdeckt werden, die an die Geschlechtschromosomen gebunden sind – etwa das „Klinefelter-Syndrom“ (wenn das männliche Kind ein überzähliges X-Chromosom hat) und das häufigere „Turner-Syndrom“ (wenn dem Mädchen das zweite X-Chromosom fehlt). Schließlich sind auch diverse Blutkrankheiten durch die zellgenetische Diagnostik vor der Geburt („pränatal“) erkennbar.

Familiengeschichtlich belastete Schwangere sollten sich ohnehin einer genetischen Beratung mit anschließender Fruchtwasserpunktion unterziehen. Dazu kommt – als häufigste Indikation – das „erhöhte Alter der Mutter“. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) empfiehlt auf Grund einer im letzten Jahr veröffentlichten Studie: „Die Möglichkeit der pränatalen Diagnostik sollte allen Frauen über 35 Jahren zur Verfügung stehen.“

Aber die Realität sieht anders aus. Von allen bundesdeutschen Schwangeren sind zu jedem gegebenen Zeitpunkt rund 51 000 über 35 Jahre alt. Pro Jahr können aber in der Bundesrepublik nur rund 4000 Amniozentesen durchgeführt werden; Das führt zu Wartezeiten, die oft so lang sind, daß es – im Ernstfall – für einen Schwangerschaftsabbruch zu spät sein kann.