Der letzte Einwand ist insofern läppisch, als amerikanische Kameramänner an der Ostfront so wenig gedreht haben wie russische im Pazifik. Aber von "Koproduktion" zu reden, ist dennoch übertrieben. Was ist geschehen? Der amerikaninische Filmproduzent Isaac Kleinerman kannte zufällig den berühmten sowjetischen Kriegsbildreporter Roman Karmen, einen Freund Hemingways aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Die beiden kamen – begleitet von offiziellem Wohlwollen – auf die Idee, mit Aufnahmen aus sowjetischen Militärarchiven für das ahnungslose Publikum in den Vereinigten Staaten und anderen westlichen Ländern den deutsch-russischen Krieg zu dokumentieren, Der angesehene Journalist Harrison Salisbury, während des Krieges Korrespondent in der Sowjetunion, ein Mann, der die Leistungen der Sowjetvölker im Widerstand gegen Hitlers Vernichtungs- und Ausrottungsfeldzug bewundert, schrieb die Drehbuchentwürfe. Hollywood-Star Burt Lancaster reiste in die Sowjetunion, um am jeweiligen Ort des Geschehens die einzelnen Folgen zu moderieren, damit diese "entertainment show" (Originalton Lancaster) beim amerikanischen Publikum und bei den Werbefirmen leichter verkäuflich wurde.

Die Sowjets saßen von Anfang an mit im Beraterstab. Karmen und Kleinerman haben sich im New Yorker Schneideraum oft "stundenlang über einzelne Abschnitte des Textes gestritten". Kleinerman: "Alles mußte von den Russen genehmigt werden, die manchmal absurde Einwände hatten. Wir waren nach wochenlanger Arbeit in diesem Stil manchmal völlig erschöpft." Aber, schließt er kurz und entwaffnend: "Wir wollten mit der Serie der Entspannung dienen." Anders gesagt: die Amerikaner ließen sich auf etwas ein, was Tom Buckley in der New York Times als "soft-core propaganda " abwertete, voll von Halbwahrheiten, Verfälschungen durch Weglassen, Simplifikationen, kurzum: als "Märchenstunde, in der sogar die Deutschen nicht ganz so schlecht wegkommen". Ein berauschender Erfolg wurde es nicht: Keine der drei nationalen networks in den USA hat die Serie übernommen – sie lief 1978 lediglich über einige kommerzielle Sender.

2. Vorwurf: Die Serie entspricht nicht dem neuesten Forschungsstand.

Entgegen der Produzenten-Werbung, gezeigt werde zum großen Teil bis dahin unbekanntes Material, muß festgehalten werden, daß als Grundlage eine sowjetische Fernsehserie aus den sechziger Jahren gedient hat. In jener Zeit wurde die sowjetische Kriegsgeschichte wieder einmal umgeschrieben und, zum erstenmal seit der Entstalinisierung, die Rolle Stalins als Oberbefehlshaber ins rechte Licht gerückt. Der Film – er lief unter drei verschiedenen Titeln: "Der Große Vaterländische Krieg" (Sowjetunion), "Der unbekannte Krieg" (USA), "Die entscheidende Front" (DDR) – ist also in doppeltem Sinne anachronistisch: als Relikt der Détente und als Forschungsergebnis. Bezeichnenderweise haben die DDR-Militärhistoriker von sich aus die oftmals übertriebenen oder nicht genau recherchierten Angaben der Sowjets über die Stärkeverhältnisse und Verluste in den einzelnen Schlachten zurechtgerückt – man darf gespannt sein, ob sich die WDR-Redaktion diesem Verfahren anschließt. v.

3. Vorwurf: Weder durch Kommentierungen noch Ergänzungen lassen sich die historisch falschen oder lückenhaften Darstellungen der Sowjets korrigieren.

Diese Kritik mußte Hübner und seinen Redakteuren wehtun, denn der WDR hat sich wirklich bemüht, seinem Publikum mehr zu bieten als einseitige sowjetische Kriegsgeschichte. Jede Folge wird (nach dem Vorbild der roots-Serie) durch ein sogenanntes Historisches Stichwort ergänzt, worin Experten, aber zum Beispiel auch deutsche Touristen in Leningrad befragt werden; viermal soll – wie bei "Holocaust" – eine Live-Diskussion zwischen Zuschauern und Sachverständigen ("Anruf erwünscht") veranstaltet werden; ein ausgezeichneter Einführungsfilm von Willy Reschl mit noch nie gezeigtem Material über die deutsche Besatzungspolitik und über die wahnsinnigen Kolonialprojekte der Nazis ("Unternehmen Barbarossa") und eine Schlußsendung ("Schrecken der Niederlage" von dem erprobten, Dokumentaristen Paul Karalus) runden das Ganze ab; die Redaktion lag in den bewährten Händen von Jürgen Rühle (wie Hübner Ostfrontkämpfer und außerdem Kommunismus-Experte); der amerikanische Begleittext wurde von Michael Eickhoff, einem historisch interessierten Anglisten, übersetzt und bearbeitet; überdies hat der WDR bei einer Reihe von Sachkennern um Rat nachgesucht.

Wohl wissend, daß die harte Kritik der New York Times nicht unberechtigt war, haben sich die Kölner für einen merkwürdigen Kompromiß entschieden. Sie wollten dieses Dokument sowjetischer Selbstdarstellung zwar nicht als historische Dokumentation ausgeben, also durchaus die Einseitigkeit korrigieren, aber die Retuschen sollten wieder nicht so weit gehen, daß der Charakter des Dokuments aufgehoben würde. Beides kann man aber nicht haben. So wird denn der Fernsehzuschauer mit den Unzulänglichkeiten der Serie allein gelassen, sofern er sich nicht genau in der Geschichte oder der Fachliteratur auskennt. Der Einführungsfilm liegt viel zu weit weg von den einzelnen Folgen, die Stichworte decken bei weitem nicht alles ab, und auch in den Live-Sendungen wird man nicht die Unzahl der (bewußten oder unbewußten) Ungenauigkeiten auflisten können. Der WDR hatte freie Hand für textliche Änderungen. Da bleibt es unverständlich, warum er sich dann nicht für einen völlig neuen, beiden Seiten gerecht werdenden, den neuesten Forschungsstand wiedergebenden, alle Fehler ausmerzenden Begleittext entschieden hat, der hin und wieder durch deutlich als sowjetisches Original gekennzeichnete Sequenzen unterbrochen worden wäre.