Von Rolf Zundel

Bonn, im September

In der Sitzung des erweiterten FDP-Präsidiums am Montag bemerkte der niedersächsische Abgeordnete Detlef Kleinen, er habe den Eindruck, bei so viel Stille müsse wohl etwas im Busch sein. In der Tat hatte das Gremium die Politik Genschers während der Sommerpause einschließlich seines Briefes an die Mandatsträger („Unser Land steht an einem Scheideweg“) ohne viel Aufsehen gebilligt. Und das, obwohl beides geeignet war, den Koalitionspartner zu alarmieren und Journalisten zu eindrucksvollen Krisengemälden der Koalition anzuregen.

War was im Busch? Am nächsten Tag bekannte ein Mitglied der Fraktion halb zornig, halb resigniert: „Wir tappen im Dustern.“ Genscher und Lambsdorff, die das Sommerloch zuerst benutzt hatten, um darin mit triumphaler Geste die von der SPD gewünschte Ergänzungsabgabe zu beerdigen, um dann in den Ferienwochen die Ziele der FDP – „die Wende“ – gefährlich hochzustecken, gaben einigen ihrer Parteifreunde Rätsel auf. „Der Verdacht, mit dem Risiko des Koalitionsbruchs gespielt zu haben“, drängte sich manchen auf. Und daß die SPD unnötig barsch behandelt wurde, galt ihnen als erwiesen.

„So kann man nicht mit dem Koalitionspartner umgehen“, sagte eine Abgeordnete, „wir wußten doch, daß beim Arbeitslosengeld nichts geht, das war doch schon abgehakt, und nun haben wir es wieder wie ein Ultimatum in die Debatte gebracht.“ Der Unmut über Unfreundliches und Ungeschicktes aus dem eigenen Lager wurde indes durch den Ärger über Partnerschelte aus der SPD begleitet und bald überdeckt.

Am Morgen der Koalitionsgespräche vom Dienstag zürnte die FDP dem sozialdemokratischen Wirtschaftsexperten Roth, der in einem Interview „den Herren in der FDP“ vorgeworfen hatte, ihnen fehle es an „sozialer Phantasie“, und wenn die Bundesrepublik den „rechtsliberalen Weg“ gehe, dann werde der soziale Friede genauso bedroht wie in Großbritannien. Am Mittag, ehe die liberalen Unterhändler aus dem Kanzleramt zurückgekehrt waren, nahm die FDP gallig Ehmkes Diktum zur Kenntnis, Genscher habe „in den letzten Wochen manches gesagt und geschrieben, was in der Öffentlichkeit den Eindruck aufkommen lassen konnte, er treibe ein doppeltes Spiel“.

„Die Genossen wissen gar nicht“, so seufzte ein treuer Anhänger der Koalition, „was sie damit anrichten; und das geht nun schon seit Tagen so.“ Wer nun dem Partner mehr zugesetzt hat, SPD oder FDP (natürlich sind die meisten Liberalen der Meinung, daß sie im Wettbewerb der Unfreundlichkeiten von den Genossen weit übertroffen wurden) – eins ist unbestritten: So düster wie zu Wochenbeginn war das Klima in der Koalition noch nie. „Das ist die erste wirkliche Koalitionskrise“, befand einer der FDP-Strategen. Kein Wunder, daß in den Quellwolken des Ärgers die Orientierung etwas schwierig wurde.