Dazu gehört auch die Vorstellung, daß kulturelle Anstrengungen einer Gesellschaft hinter der Beseitigung ihrer sozialen Defizite zurückzustehen haben. Anders ausgedrückt: Erst wenn es keinerlei soziale Probleme mehr zu lösen gibt, dürfen kulturelle Ansprüche erfüllt, dürfen Theater, Museen und Konzertsäle gebaut, Investitionen für kulturelle Aufgaben geleistet werden ... Dabei übersehen diejenigen, die so argumentieren, daß Kunst und Kultur, ihre Förderung und Unterstützung im weitesten Sinne auch soziale Aufgaben sind. Welches Unverständnis für die existentiellen Nöte des Menschen liegt in der Beschränkung der Daseinsvorsorge auf die materielle Existenzsicherung. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Er erfährt Sinnerfüllung ebenso – und oft erst wirklich – durch jene Dinge, die jenseits von Broterwerb und Lebenssicherung liegen und von denen die Künste ein Teil sind.

Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann bei der Einweihung der wiederaufgebauten „Alten Oper“.

Preußen am Abend – Ein Abend in Preußen

Alle reden von Preußen. Wir auch – sagten sich Bernt Engelmann und Kurt Lutz, als sie dem Renaissance-Theater einen kritisch-satirischen „Abend in Preußen“ für die Berliner Festwochen schrieben. Unter dem Titel „... von der Maas bis an die Memel ...“ sindTexte und Zitate vereint von Friedrich dem Großen bis Tucholsky, von Friederike Kempner bis Wedekind, von Heine bis Brecht. Die Revue, mit Heinz Schubert als Star, hat am 25. September Premiere. Die ungewöhnliche literarische Collage kann schon jetzt als (Programm-)Buch erworben und mit Gewinn gelesen werden (Verlag das europäische buch, Thielallee 34,1 Berlin 33; 70 Seiten, 7,80 Mark).

Robert Walser: Nachlaß und Nation

Das ewige, das leidige Themas Künstler und Nachlaß, Genie und Erben ist um ein wichtiges Kapitel erweitert worden. Als 1978 der hundertste Geburtstag des Schriftstellers Robert Walser gefeiert wurde, konnten Fragen nach dem Nachlaß nicht ausbleiben. Schlimmes war zu hören. Der zweiundsiebzigjährige Rechtsanwalt Elio Fröhlich, der über alle Urheberrechte an Walsers Werk verfügt, sitzt wortwörtlich auf unbekannten Schätzen: In Koffern und Kartons hütet er Manuskripte, die längst in einem Archiv ausgewertet werden müßten. Um diesen Skandal zu beenden, reichten Walser-Forscher (Katharina Kerr, Jochen Greven) beim zuständigen Ministerium in Bern eine „Aufsichtsbeschwerde“ ein. Das Dokument wurde unterzeichnet auch von einigen der wichtigsten Schriftsteller der Schweiz (Frisch, Muschg, Bichsei). Die Kulturbürokraten lehnten ab: Die Klagen seien zu einer Beschwerde gar nicht „berechtigt“. Anderer Ansicht ist jetzt das Bundesgericht in Lausanne: Der Nachlaß eines Schriftstellers vom Rang Robert Walsers ist den Juristen ein „nationales Kulturgut“. Das aber müsse sachgerecht aufbewahrt und der Forschung zugänglich gemacht werden. Ein Silberstreif? Auch in der Bundesrepublik haben in letzter Zeit (Kandinsky, Brecht) die Auseinandersetzungen mit den Erben die wichtigeren – mit, dem Werk – oft verdrängt. Deutschland-Polen und ein Preis

Das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt hat zum erstenmal einen polnischen Übersetzer deutscher Literatur ausgezeichnet: Am 5. September erhält der einundfünfzigjährige Kritiker und Dramaturg Slawomir Blaut den „Preis der Robert Bosch Stiftung“ (5000 Mark). Blaut hat in den letzten zwanzig Jahren neunundzwanzig Werke übersetzt, darunter „Die Blechtrommel“ von Günter Grass, Handkes „Kurzen Brief zum langen Abschied“, Bücher von Siegfried Lenz oder Ingeborg Bachmann. Wiederholt hat Polen einen der besten Mittler polnischer Literatur in Deutschland, den Übersetzer Karl Dedecius, geehrt. Mit Hilfe der „Bosch-Stiftung“ ist es endlich möglich, Dank zu sagen von Deutschland nach Polen.