Von Eckart Kleßmann

Im selbsternannten „Preußen-Jahr“, in dem eine das alte Preußen unkritisch bewundernde Literatur Bestseller-Auflagen erreicht, ist ein Buch erschienen, dessen Verfasser konstatiert: „Wir schleppen uns immer noch herum mit den Geistesprodukten einer preußisch-deutschen Geschichtsschreibung, die die progressiv-bürgerliche Entwicklung in den Staaten des Rheinbundes aus gewichtigen Gründen einfach nicht zur Kenntnis genommen hat.“ –

Wolfgang Platt „Deutsche Träume oder Der Schrecken der Freiheit. Aufbruch ins 19. Jahrhundert“; Econ Verlag, Düsseldorf 1981; 400 S., 67 Abb., 36,– DM.

Plat, Jahrgang 1923, Publizist und Fernsehautor, stellt die Frage nach der Entwicklung Deutschlands zwischen 1789 und 1819: „Wir wollen die Zeit zwischen 1789 und 1819 auf eine ganz andere Art befragen. Wir wollen fragen nach dem Anfang bürgerlicher Zustände in Deutschland, nach den ersten Spuren des Verfassungsdenkens, nach deutschem Republikanismus. Wo blühte die zarte und etwas kümmerliche Pflanze deutscher Demokratie zuerst, und wer hegte und begoß sie, und wer zertrampelte sie?“

Dabei gilt Plats Augenmerk zu Recht der Rolle Preußens in dieser Zeit und dem, was wir „Befreiungskriege“ nennen. Und da ist es nun herzerfrischend zu lesen, wie all die liebgewordenen Legenden gnadenlos zerpflückt werden und populäre Monumente vom Sockel stürzen. Etwa die angeblich so spontane Volkserhebung von 1813 – „Der König rief, und alle, alle kamen“ –, Lützows wilde, verwegene Jagd, Schill und Andreas Hofer, die angeblich führende Rolle Preußens 1813. Natürlich kann man einwenden, daß diese Legenden schon lange als politischer Schwindel entlarvt wurden, aber in der nichtwissenschaftlichen Literatur gibt es schwerlich ein vergleichbares Unternehmen. Plat geht insofern darüber hinaus, als er sich ganz auf die Frage konzentriert, in welchem Maße der Weg zur bürgerlichen Freiheit und damit auch zur Demokratie in Deutschland blockiert worden ist. Als Prüfstein erweist sich dabei die Reaktion auf die Französische Revolution und ihr durch Napoleons Armeen in ganz Europa verbreitetes Gedankengut. Der Sieg der Alliierten über Napoleon 1814/1815 beseitigte zwar dessen Diktatur und die französische Militärdominanz, war aber nur darin ein Befreiungskrieg.

Nach Napoleons Sturz schlug die Fürstenreaktion grausam zu: Das nichtfranzösische Europa versank bis 1848 in die Friedhofsruhe des Biedermeier, die Unfreiheit wuchs. Und ein Student sagte 1817 auf dem Wartburgfest: „Das deutsche Volk hat schöne Hoffnungen gefaßt, sie sind alle vereitelt; alles ist anders gekommen, als wir erwartet haben.“ Das war das verbitterte Fazit derer, die für eine „Befreiung“ gekämpft hatten. Der preußische Unabhängigkeitskampf hatte ja mehrere Aspekte: Reform-Versuche, die in der Praxis weitgehend scheiterten; Befreiuung von französischer Okkupation bei gleichzeitiger Verteufelung alles Französischen („welscher Tand“); vergeblicher Versuch, eine Verfassung zu bekommen.

Man könnte Plats Ausführungen noch um zwei Punkte ergänzen: Der wachsende Antisemitismus bis hin zum Pogrom und der aufblühende Napoleon-Kult unter den deutschen Rheinbund-Veteranen, die Preußen werden mußten. Denn daß ausgerechnet jene deutschen Soldaten, die für Napoleon hatten kämpfen müssen, später als Invaliden ihn auch noch verherrlichten, ist nur für den absurd, der nicht weiß, wie ihre deutschen Fürsten sie später behandelt haben – jene Fürsten, die Napoleons erbötige Schranzen waren, solange sie daraus Profit ziehen konnten.