Mit einem Doppelschlag gegen die Muslimbruderschaft und gegen die christliche Kirche versucht Präsident Sadat, Ägypten vor neuen Unruhen zu bewahren.

Diesmal wird es keine Gnade geben“, sagte Anwar el-Sadat, als er vor dem ägyptischen Parlament zwölf drakonische Erlasse bekanntgab, über die 11,9 Millionen Ägypter am Donnerstag in einem Volksentscheid abstimmen sollten. Eine breite Mehrheit schien dem Präsidenten von vornherein sicher.

Die „radikale Säuberungsaktion“ sieht im einzelnen vor: das Verbot von 13 koptischen und muslimischen Vereinigungen; 1536 Gerichtsverfahren gegen Oppositionelle aus allen Lagern; das Verbot von sieben religiösen und politischen Zeitschriften; die Versetzung von 67 Journalisten in andere Bereiche des staatlichen Informationsapparates; die Strafversetzung von 64 Hochschullehrern. Schließlich verkündete Sadat die Absetzung von Patriarch Schenuda, der seit November 1971 an der Spitze der koptischen Kirche steht.

Schenuda III. Patriarch von Alexandria, Professor der Theologie und Reserveoffizier der ägyptischen Armee, mußte sich in ein Wüstenkloster zurückziehen, nachdem er gegen die Verhaftung von acht Bischöfen, dreizehn Priestern und 125 militanten Kopten protestiert hatte. Der Konflikt war seit den Verfassungsänderungen vom Frühjahr 1980 vorauszusehen. Damals war das islamische Recht „als wesentliche Grundlage“ der Gesetzgebung im modernen Ägypten erklärt worden. Sadat hat dem Patriarchen eine Beteiligung an den blutigen interkonfessionellen Zusammenstößen vorgeworfen, bei denen seit Ende Mai dieses Jahres mindestens 23 Menschen umkamen.

Der Präsident, der vom Beginn einer neuen Revolution spricht, will das politische Leben von religiösem Fanatismus und von Gruppeninteressen befreien: „Ägypten zerfällt nicht in zwei Glaubensrichtungen, Ägypten ist eine Nation.“ Unter den 1536 Verhafteten sind nur 1-6 Kopten und nur etwa 50 Vertreter der beiden linksoppositionellen Parteien zu finden. Offensichtlich wollte Sadat hauptsächlich die Anhänger der Muslimbruderschaft und ihrer radikalen Studentenorganisation „Islamische Bruderschaften“ hinter Schloß und Riegel bringen. Sadat hatte vor zehn Jahren den Muslimbrüdern die Tore von Nassers Gefängnissen geöffnet. Zum Bruch kam es, als die Bruderschaft die Aussöhnung mit Israel und die Bindungen Ägyptens in die amerikanische Politik kritisierte.

Inzwischen hat Präsident Sadat seinem Religionsminister die Kontrolle über alle Moscheen des Landes übertragen. Damit hat sich die Auseinandersetzung mit der sunnitischen Geistlichkeit um einige Nuancen verschärft. Die Regierungstreue der neuen Imame, die an die Stelle ihrer verhafteten Glaubensbrüder treten, muß über allen Zweifel erhaben sein. Von den neuen Hütern des Koran wird jene Haltung erwartet, die ihnen die von Sada: einberufene Konferenz von fünf koptischen Bischöfen bereits vorgelebt hat: „Wir sind die Soldaten des Präsidenten.“

In der übrigen arabischen Welt ist zu hören, Sadat habe die konfessionellen Zwischenfälle nur als Vorwand benutzt, um die Opposition gegen seine pro-westliche Friedenspolitik niederzuschlagen. Die Islamische Republik Iran versicherte dem „heldenhaften ägyptischen Volk“ ihre Solidarität.

Bruno Funk (Kairo)