Von Josef Joffe

Können Ideologien importiert werden? Die Linken hatten mit dem grenzüberschreitenden Doktrinen-Verkehr nie Probleme; das zeigt der weltweite Export der französischen Aufklärung (zum Teil mit Hilfe napoleonischer Bajonette), aber auch der Marsch des Marxismus von Deutschland über Rußland und China in die Dritte Welt. Läßt sich aber auch "rechte" Theorie multinationalisieren? Genauer und aktueller: Haben Amerikas Neo-Konservative nach ihrem frappierenden Wahlerfolg im November 1980 ihren Brüdern in Deutschland, die seit zwölf Jahren zur Oppositionspolitik verdammt sind, auch ein Erfolgsrezept zu bieten?

Am vorigen Wochenende fand unter der Ägide der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung eine Art bilateraler Marktanalyse in Bonn statt – mit Politikern, Gurus und Gelehrten von hüben und drüben. Beide Seiten kamen mit beachtlichem Aufgebot: die Deutschen mit Helmut Kohl, Kurt Biedenkopf und Walther Kiep – die Amerikaner mit Reagans Sicherheitsberater Richard Allen und den intellektuellen Bannerträgern des Neo-Konservatismus wie Irving Kristol und Norman. Podhoretz.

Ein gemeinsames Konzept brachten sie freilich nicht zustande. Dazu sind die nationalen Befindlichkeiten auf beiden Seiten des Ozeans zu verschieden – trotz aller ideologischen Sympathien. Auch unter Brüdern im Geiste läßt es sich nicht verhehlen, daß Amerika und Europa in den letzten Jahren auseinandergetrieben sind. Außerdem machte das gegenseitige Abtasten rasch deutlich, daß Amerikas Neo-Konservative nicht wirklich konservativ und die deutschen Konservativen nicht wirklich "neo" sind.

Ein verblüffendes Paradox: Die transatlantischen Vor-Macher verbindet ein Lebensgefühl, das schlichtweg revolutionär ist. Nach dem Reaganschen Erdrutsch empfinden sie sich nicht mehr als kämpferische Sekte, sondern als historische Sieger im Krieg gegen den Moloch Staat, der vierzig Jahre lang auf dem Vormarsch war. Sie wollen keine Korrektur, sondern die Umverteilung der Macht: vom Staat auf die Gesellschaft, von den Institutionen auf die Individuen, vom Bund auf die Länder. Und sie wollen, wie es einer ihrer Propheten ausdrückte, "Aktion und nicht Ruhe". Welcher deutsche Konservative würde dies von sich oder seiner Partei sagen?

Vielleicht hat Amerika es besser. Tradition und Revolution standen dort nie im unversöhnlichen Widerspruch; schon die Revolution gegen England war kein jakobinischer Ausbruch, sondern ein Krieg um angestammte Rechte. Die Gründerväter bauten das "Neue Jerusalem" – ein revolutionäres Gebilde zwar, aber doch die Stadt der Altvorderen; ihre Nachfahren sind sich auch heute gewiß, daß sich derlei Schöpfungsakte alle vier oder acht Jahre wiederholen lassen – ob unter dem Banner der "New Frontier" (Kennedy), "New Society" (Johnson) oder "New Beginning" (Reagan).

Und die Deutschen? Die Revolutionen, die sie wollten, haben sie verpatzt. Dafür haben sie allein in diesem Jahrhundert mehr Umbrüche erlebt, als andere Nationen je verkraften mußten: von Wilhelm nach Weimar, von Hitler nach Bonn (und Pankow); dazu zwei Währungs-"Reformen", die das soziale Gefüge gründlich durcheinanderschüttelten. Hierzulande sind zu viele Ordnungen da vongefegt worden; was Wunder, daß kaum jemand – ob halb-links oder halbrechts – allzu kräftig an der bestehenden rütteln möchte. Und die deutschen Politiker – konservativ, ob "neo" oder "paläo", ob in der CDU oder der SPD – proklamieren die Wende allenfalls, damit (fast) alles beim alten bleibt.