Von Hans Schueler

Diesmal waren sich Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz rasch einig: Der Bombenanschlag vom Montag vergangener Woche auf den Kommandobereich des amerikanischen Nato-Flughafens Ramstein geht zu Lasten der „Roten Armee Fraktion“. Er ist das erste größere Sprengstoffunternehmen der Terrororganisation seit dem mißglückten Attentat auf den damaligen Nato-Oberbefehlshaber Alexander Haig im Juni 1979 bei Brüssel.

Seiner Zeit hatte es zwischen dem Geheimdienst und dem Wiesbadener Amt eine heftige interne Fehde über die mutmaßliche Urheberschaft gegeben. Der Verfassungsschutz hielt auch im Fall Haig von Anfang an die RAF für verantwortlich. Das BKA bezweifelte dies zunächst, weil der diese These stützende „Bekennerbrief“ erst vier Tage später eingegangen war – eine bis dahin bei Baader-Meinhof-Leuten nicht übliche Unpünktlichkeit – und weil der Brief eine Reihe von nachweisbar falschen Angaben über die Tatausführung enthielt: es sei ein 180 Meter langer Tunnel gegraben worden, um 20 Kilogramm Sprengstoff an die Brücke zu bringen, mit der Haigs Wagen in die Luft fliegen sollte. In Wahrheit gab es keinen Tunnel, der Sprengstoff lagerte in einem Hohlraum unter der Brücke, und es waren nach Schätzung von Experten nur höchstens 10 Kilogramm.

Diesmal kam der „Bekennerbrief“ pünktlich und mit dem Datum des Tattages versehen. Er sagt allerdings kein Wort über die Tatausführung und somit auch kein falsches. Doch Aufmachung und Sprache lassen an der Identität der Unterzeichner nicht zweifeln: „Rote Armee Fraktion“ (Kommando Sigurd Debus).

Es gibt sie also noch, die von manchen Politikern und in manchen Redaktionsstuben schon totgesagte Kerntruppe der Bombenleger, Kidnapper und Todesschützen; einige ihrer Angehörigen dürften sogar zu den Baader-Meinhof-Leuten der ersten Stunde gehören. Die RAF ist geschwächt, in ihrer Logistik nachhaltig gestört und unter ständigem Fahndungsdruck. Gleichwohl kann sie noch massiv zuschlagen. Die Bombe von Ramstein ähnelte verblüffend den Sprengsätzen, die 1972 bei den Anschlägen auf die US-Hauptquartiere in Frankfurt und Heidelberg verwandt worden waren; damals hatte es unter den amerikanischen Soldaten mehrere Tote gegeben; Andreas Baader, Ulrike Meinhof und ihre Gründungsgenossen bekamen dafür in Stammheim lebenslänglich.

Ebenso beharrlich wie die Konstruktion der Primitiv-Zünder hat sich in der RAF über die Jahre hinweg auch die Entschlossenheit zum Mord an namenlosen Soldaten der amerikanischen Streitkräfte („Kampf gegen den US-Imperialismus“) erhalten. Nicht erst in der im Oktober letzten Jahres nach dem Autounfall zweier Terroristen entdeckten konspirativen Wohnung in Heidelberg-Rohrbach fanden sich Planskizzen für einen Angriff auf US-Basen (hier allerdings konkret: Ramstein). Schon vorher gab es ähnlich deutliche Hinweise in Zellenzirkularen von RAF-Häftlingen und in Terroristen-Wohnungen in Wien (Palmers-Entführung), Düsseldorf (Willy Peter Stoll) und Hamburg.

Die Ramstein-Airbase war lange gewarnt. Aber sie ist ob ihrer schieren Größe und angesichts von rund 25 000 dort beschäftigten Soldaten und Zivilisten gegen Terroranschläge kaum wirksam zu sichern. Als nach dem Attentat strenge Fahrzeugkontrollen angeordnet wurden, stauten sich vor den Zufahrten kilometerlange Autoschlangen. So hatte denn die laut knatternde 500er „Honda“ mit dem gestohlenen amerikanischen Kennzeichen und der Bombe an Bord am Montag letzter Woche eines der Kasernentore unbehelligt passieren und den Horst ebenso unbehelligt wieder verlassen können, ehe der Sprengsatz hochging. Die Lehre für die Fahnder aus dem Bundeskriminalamt ist unmißverständlich: Vorbeugung gegen Terroranschläge genügt nicht; sie müssen die Täter bis zur letzten Frau und bis zum letzten Mann hinter Schloß und Riegel bringen.