Von Gerhard Spörl

Für Muammar Ghaddafi war die Lage sofort klar: Schon am Dienstag – einen Tag nach dem Bombenattentat in Ramstein (siehe unten „Nach Baaders Rezept“) – grüßte er aus Tripolis „das deutsche Volk, das seit gestern im Angriff auf US-Luftwaffenstützpunkte begriffen ist“. Zu diesem Zeitpunkt war die Tageszeitung (taz) – das Informationsblatt der Systemgegner – noch skeptisch, ob der Anschlag nicht doch vom amerikanischen Geheimdienst inszeniert worden sei, um eine neue Hetzjagd auf die „Rote Armee Fraktion (RAF) auszulösen. Die beiden taz-Kommentatoren wollten trotz der Ungewißheit jedoch keineswegs „klammheimliche Freude“ verhehlen, denn „in einigen tausend Köpfen steckt die Wut über die mörderische militärische ‚Vernunft‘ der Strategen in Washington, stecken Phantasien, wie man diesen scheinbar allmächtigen Gewaltapparat in die Luft jagen könnte“.

Die RAF will es nicht bei der Wunschvorstellung belassen. Sie hält, das demonstriert ihr Bekennerbrief, den Pazifismus der Friedensbewegung für Willensschwäche und setzt den „resignativen Fluchtphantasien“ den Glauben entgegen, daß das „Monster“ US-Militärmacht zu besiegen ist. Das elitäre Selbstverständnis, von Ulrike Meinhof und Andreas Baader einst formuliert, lebt ungebrochen auf: die RAF als die militärische Speerspitze einer breiten Anti-Front.

Der selbsternannte Bundesgenosse schreckte denn auch die Friedensbewegung. Roland Vogt, friedenspolitischer Sprecher der Grünen, distanzierte sich eilends. Keineswegs sei individueller oder kollektiver Terror ein taugliches Mittel, die atomare Aufrüstung Europas aufzuhalten. Allerdings, so mahnte Vogt, steige die Konjunktur für gewalttätige Verzweiflungsaktionen, falls die deutschen Politiker gleichgültig über Ängste und Argumente der Pazifisten hinweggingen.

Darauf spekuliert die Stadtguerilla. Der Anschlag von Ramstein ist das Signal eines Ausbruchs aus der Isolation. Bisher nahm die RAF die neuen „sozialen Bewegungen“ – Kernkraftgegner und Hausbesetzer – nicht ernst.

Neuerdings aber wähnt sie sich durch die antimilitaristische und latent antiamerikanische Stimmung in der Bundesrepublik bestätigt. Zu den Allgemeiriplätzen ihrer Theorie gehört es seit dem Vietnamkrieg, daß nur eine Revolution in Europa und in der Dritten Welt die Unterdrückung durch die Amerikaner stoppen könne. In der Friedensbewegung, die im Herbst zu Großdemonstrationen gegen die Nato-Nachrüstung aufrufen will, sammeln sich nun alle Bewegungen, die Widerstand leisten wollen. Wenn sie erst, das ist das RAF-Kalkül, einsehen müssen, daß Demonstrieren alleine nichts verändert, dann lassen sie sich für die Guerilla gewinnen.

An Nachwuchs mangelt es der RAF seit langem. Der Hungerstreik der gefangenen Terroristen, durch den Anfang dieses Jahres Sympathisanten mobilisiert und neue Kader rekrutiert werden sollten, war ein Fehlschlag. In der Logik des Untergrundkampfes war schon damals eine Aktion fällig. Sie scheiterte, weil das Bundeskriminalamt die logistischen Vorbereitungen stören konnte. Dennoch wurde der Hungerstreik nicht abgebrochen, sondern bis zum kalkulierten Ende fortgesetzt: dem Tod von von Sigurd Debus.