Von Heinz Josef Herbort

Zwischen Werk und Interpretation

Die Fragen stellen sich so streng eigentlich nur in der Musik: Was ist das eigentliche Kunstwerk, wodurch ist es definiert? Durch die Noten auf dem Papier (wie in der Literatur), die zeitlichräumlich abgeschlossene Interpretation (wie in der bildenden Kunst), die ständig verfügbare, optimal produzierte audiovisuelle Konserve? Oder: Was gibt den Willen des Autors unwidersprüchlich und eindeutig wieder – die autographe Partitur, der von ihm autorisierte Erstdruck, seine verbalen Kommentare, seine eigenen Interpretationen? Weiter: Wieviel hat die Zeit, haben technische Entwicklung und Moden, Wissenschaft und Zufall an einem Stück verändert? 39 Theoretiker und Praktiker gaben zum 80. Geburtstag des Verlegers Günter Henle ein paar Antworten aus je ihren Spezialgebieten – eine Festschrift, die bald zur Gedenkschrift wurde, die aber auch einem aufmerksamen Dilettanten einen Einblick gestattet in die Denk- und Arbeitsansätze jenes scheinbar übertrieben akribisch sich um Pünktchen und Strichlein sorgenden Zirkels historisch-kritischer Musikforscher und -Interpreten. („Musik-Edition-Interpretation“; Verlag G. Henle, München; 487 S., 60,– DM)

Kunst-Genuß, Genuß-Kunst

Nicht erst die Tournedos à la Rossini machten es deutlich: Musiker essen (und trinken) gern gut. Für Musikliebhaber, Amateure also mit dem Blick für das Professionelle, auch in der Gaumen-Kunst: die gesammelten Erfahrungen eines Kernphysikers, der für Präsidenten, Minister und einfache Leute zwischen Sitzung und später Diskussion in gebührender Geschwindigkeit sensationelle Feinheiten auf den Tisch brachte – und die genauen Aufzeichnungen über die Qualität, Farbe, Reife, kurz: den Charakter aller wichtigen Lagen jeden Jahres in rotem und weißem Bordeaux wie Burgunder, notiert vom Chefauktionator bei Christie’s, wo Wein genau als das versteigert wird, was er zu sein (nicht nur von Musikern) beanspruchen darf: als Kunst.