Schwarzarbeiter und illegale Verleihfirmen prellen den Staat um Milliarden

Von Dieter Piel

Sie ist uralt und doch immer noch attraktiv. Sie spielt im Halbdunkel, oft genug am Rande der Kriminalität oder gar mitten drin – doch das hat ihrer Faszination nie geschadet. Sie wurde immer wieder verfolgt und dennoch nie beseitigt oder auch nur merklich zurückgedrängt. Die meisten Bürger lehnen sie entschieden ab – doch zugleich nutzen sie ihre Dienste: Schwarzarbeit wird ebenso verachtet wie begehrt.

„Sie kommt“, findet der Pariser Nouvel Observateur, „jedem gelegen“ – insofern, nicht nur nach Meinung dieses Blattes, ganz ähnlich der Prostitution. Schillernd sind denn auch ihre vielfältigen Bezeichnungen: „Schattenwirtschaft“ und „Wirtschaft im Untergrund“, „travail noir oder „black economy“, „lavoro nero, „economia sommersa“ oder schlicht „Pfusch“ – so die Bezeichnung in Österreich.

Manchen gilt sie als das „Krebsübel unserer Zeit“ – so eine vor allem in der Handwerkspresse beliebte Formulierung. Andere aber feiern sie als ganz vernünftige Reaktion auf staatliche Überbesteuerung und zu hohe Abgaben, auf die Engstirnigkeit amtlicher Vorschriften oder auf die Unbeugsamkeit gewerkschaftlicher Politik. Das französische Magazin Le Point verstieg sich gar zu der Behauptung, Schwarzarbeit sei „in einer immer stärker reglementierten Welt... eine der letzten Bastionen der Freiheit.

Unbestritten aber ist, daß Schwarzarbeit in der Bundesrepublik und vergleichbaren – kapitalistischen wie sozialistischen – Industriegesellschaften immer mehr zunimmt, und unbestritten sind auch ihre Wirkungen:

  • Auf zwei Millionen wird die Zahl der Schwarzarbeiter in der Bundesrepublik geschätzt – das sind acht Prozent aller Beschäftigten. Auf ihr Konto geht mindestens jede zehnte, möglicherweise aber sogar jede fünfte Handwerker-Reparatur. Ihre Umsätze sind in der Schattenwirtschaft fast identisch mit Einkommen: Sie liegen irgendwo zwischen dreißig und sechzig Milliarden Mark pro Jahr.
  • Diese Zahlen sind im Vergleich zum Ausland noch eher bescheiden. Das Internationale Arbeitsamt (ILO) berichtet, daß in den Vereinigten Staaten und in Kanada mindestens ein Viertel aller Beschäftigten neben ihrer legalen Ganztagsbeschäftigung noch einen oder mehrere „schwarze“ Jobs besitzt; allein für die Vereinigten Staaten werden dabei Schatten-Einkommen der moonlighters in Höhe von 220 Milliarden Dollar (rund 550 Milliarden Mark) angenommen. In Italien werden, so vermutet man, annähernd 30 Prozent des Volkseinkommens in der economia sommersa erwirtschaftet; etwa zehn bis fünfzehn Prozent aller italienischen Arbeitskräfte existieren offiziell überhaupt nicht. Inzwischen hat sich die Regierung sogar entschlossen, auf die amtliche Volkseinkommensstatistik wenigstens zehn Prozent als Ertrag der Schwarzarbeit draufzuschlagen. In Schweden, wo hohe Steuern und Abgaben die Lust am „legalen“ Mehrverdienst allenthalben zerstört haben, ist der Anteil der Schwarzarbeiter an der Bevölkerung mit sechzehn Prozent doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik. Besonders ausgeprägt ist dort zudem die Rückkehr zur Naturalwirtschaft: Immer mehr Bürger tauschen Gut gegen Gut und Dienstleistung gegen Dienstleistung – Geldbörse und Scheckbuch bleiben derweil in der Tasche, und der Fiskus geht leer aus.
  • Schwarzarbeit bringt Staat und Sozialversicherung um Milliarden. Schon der geschätzte Mindestumsatz bundesrepublikanischer Schwarzarbeit, 35 Milliarden Mark pro Jahr, bedeutet einen Steuerausfall von rund zehn Milliarden Mark und noch einmal eine bis zwei Milliarden Mark an vorenthaltenen Beiträgen für Renten- und Krankenversicherung. Ähnlich sind die Zahlen in vergleichbaren Ländern. So vermutet man in Frankreich einen Verlust von 18 Milliarden Franc beim Sozialversicherungssystem und weiteren sechs Milliarden beim Staatshaushalt. Englands oberster Finanzbeamter schockte die Öffentlichkeit mit der Nachricht, daß die fiddlers den Staat um dreieinhalb Milliarden Pfund prellen.
  • Staat und Sozialversicherung werden indes nicht nur durch den Verlust an Steuern und Beiträgen geschädigt, sondern noch zusätzlich betrogen. Kosten für Krankheiten und Unfälle, obwohl durch Schwarzarbeit verursacht, reguliert in aller Regel die Kranken- und Unfallversicherung. So mancher Fall einer vorzeitigen Invalidität ist die Folge von Schwarzarbeit – doch die Rentenversicherung kommt dafür auf. Und so mancher Schwarzarbeiter kassiert nebenher Arbeitslosenunterstützung – auch dann, wenn sie, wie in einigen bekanntgewordenen Fällen, nur einen Bruchteil des „schwarzen“ Einkommens ausmacht.
  • Doch Schwarzarbeit hat noch schlimmere Erscheinungsformen: Menschenhandel grassiert an der Grenze zwischen Mexiko und den USA ebenso wie in der Bundesrepublik, wo etwa 200 000 bis 300 000 Ausländer, vor allem Türken und Jugoslawen, doch auch Niederländer und Briten, illegal „verliehen“ werden – mit horrenden Gewinnen für die Verleiher und geringer Bezahlung für die ausgebeuteten Leiharbeiter. Und über das Ausmaß der Kinderarbeit kann man nur Mutmaßungen anstellen. Das Internationale Arbeitsamt (ILO) berichtet von 52 Millionen schwarzarbeitenden Kindern in aller Welt – die Zahl dürfte zu niedrig sein. Kinderarbeit gehört zur Untergrundwirtschaft vor allem in Südeuropa – doch auch in der Bundesrepublik dürfte sie hoch nicht überwunden sein.
  • Zu den häßlichen Folgen der Schwarzarbeit gehören schließlich auch die Schäden, welche die Auftraggeber durch sie erleiden. So schätzen die an der Bekämpfung der Schwarzarbeit am meisten interessierten Handwerksverbände, daß 58 Prozent aller tödlichen Unfälle im Haushalt in irgendeiner Weise mit Schwarzarbeit zusammenhängen. Die Zahl mag zu hoch gegriffen sein, doch das ändert nichts an der Tatsache, daß es nicht nur sachkundige Spezialisten sind, die heimlich das Elektrokabel in der Küche verlegen. Die materiellen Schäden fehlerhafter Schwarzarbeit vor allem am Bau gehen in die Milliarden, ohne daß die Urheber dafür belangt würden. Denn Werkverträge mit Schwarzarbeitern sind nichtig.