Von Walther Killy

Das Buch, das ich hier empfehle, hat einen abschreckenden Umfang und einen Titel, der den irrigen Eindruck erwecken könnte, es gehe nur Spezialisten an. Er lautet:

„Die Krise des Abitur“ und eine Alternative“, Klett-Cotta Verlagsgemeinschaft, Stuttgart 1980, 48,– Mark.

Sein Autor ist der unbeirrbare Hartmut von Hentig, und seine Leser sollten alle die sein, denen die Zukunft von Schule und Universität immer noch nicht gleichgültig ist. Was sich da auf den ersten Blick als eine Zumutung darstellt, 824 Seiten auf schwerem Papier und in einem Computersatz, dem jede ästhetische Anmut fehlt, das erweist sich bei näherem Hinsehen als eine umfassende Bestandsaufnahme des höheren Bildungswesens. Das wäre schon interessant genug aus der Feder eines Mannes, der dieses Bildungswesen (und mit ihm die Wandlungen der „Entmutigten Republik“) seit einem Viertel Jahrhundert kritisch begleitet und tätig mitverantwortet hat. Aber das Buch beschränkt sich nicht auf Theorie und Analyse; es versucht Wege zu weisen in einer heillos unübersichtlichen, durch anhaltende Erosion immer unfruchtbarer gewordenen Bildungslandschaft. Es berichtet von den Schwierigkeiten eines mutigen Experiments und von dem Kampf mit ideologischen und bürokratischen Hindernissen, den derjenige zu bestehen hat, der bei uns einen Mißstand Indem will. Der Mißstand wird zwar kaum bestritten, aber – wie soviele andere allbekante Gravamina – auch von niemandem beheben.

Dabei kann keiner sagen, daß die Krise des Abiturs ein Problem darstelle nur für Fachleute. Sie ist ein existentielles Problem, nicht nur für die mehr als 200 000 Abiturienten, die ihr alljährlich ausgesetzt sind; nicht nur für die Hochschulen, welche diese jungen Leute angeblich für die Wissenschaft und mit ihr für das Leben im Beruf vorbereiten. Indem das Abitur als amtlich bestätigte und abgestempelte „Hochschulreife“ den Zugang zum Studium öffnet, wird mit ihm sowohl über individuelle. Lebenswege wie über die Qualität des wissenschaftlichen und damit des öffentlichen Lebens entschieden. Es geht um Horizont und Kompetenz des sogenannten Gebildeten, der im Gemeinwesen Verantwortungen tragen soll.

Nun hat das Buch viele aufregende Stellen oder gar Kapitel, aber zum Aufregendsten gehört, so scheint mir, dasjenige, in dem Hentig unter der Überschrift „Allgemeine Bildung als Verständigungsmittel“ die tiefe Kluft zwischen dem Begriff einer „allgemeinen“ (das heißt Verständigung und Urteil ermöglichenden) Bildung und dem stoffbestimmten Partikularismus beschreibt, der die Realität von Schule und Hochschule und schön gar die der sogenannten Reifeprüfung darstellt. Natürlich sind Sätze nicht neu wie „unsere Schulbildung ist durch und durch unphilosophisch geblieben“, oder „Identifizierung von Allgemeinbildung mit dem Stoff der gymnasialen Oberstufe wird geradezu unvermeidlich“ – das sind – leider – geläufige Probleme, Neu aber und unerhört ist, daß sich ein Mann nicht nur theoretischen Erwägungen auf dem pädagogischen Katheder oder dem unverbindlichen Selbstbestätigungsritual der Fachkongresse widmet, sondern und jetzt schon seit Jahren – seine ganze persönliche Existenz und sein akademisches Renommee aufs Spiel setzt, um Abhilfe zu schaffen.

Das geschah durch die Gründung der Laborschule und – für unser Thema entscheidend – des Oberstufenkollegs an der Universität Bielefeld. Das Buch berichtet, wie man am Oberstufenkolleg versucht, mit einem ganz neuen Curriculum (das Wort Lehrplan würde in die Irre führen) die wichtigsten Erfahrungs- und Wissenschaftsbereiche zugänglich zu machen und zu verbinden; vor allem aber das hergebrachte Abitur dadurch zu ersetzen, daß die Oberstufe des Gymnasiums und die Grundstufe der Universität zusammengefaßt werden. So können im Verlauf von vier Jahren nach und nach diejenigen Voraussetzungen geschaffen und überprüft werden, welche zu einem sinnvollen Studium gehören. Der Übergang zwischen „Schule“ und „Hochschule“ findet gleichsam von selbst statt. Das Fallbeil des Abiturs, ein stumpfes Beil, wird abgeschafft, die bis dato blinde Wahl des Studiums, die bei uns überdies Berufswahl ist, wird mit sehenderem Auge vorgenommen. So jedenfalls das Konzept.