Von Andreas Kohlschütter

San Salvador, August/September

Donnerschläge schwerer Bombenexplosionen erschütterten das abendliche San Salvador. Die Aufständischen verüben Sprengstoffanschläge gegen das Polizeihauptquartier, gegen Geschäftshäuser, Industrieanlagen, Villen der Prominenz. Vierzig Stunden fällt der Strom aus in der Hauptstadt der vom Chaos bedrohten kleinen Kaffee-Republik, nachdem Guerillatrupps an den Hängen des nahen Vulkans ein halbes Dutzend Leitungsmasten in die Luft sprengten. Strategische Brücken, Eisenbahnlinien und Stromnetze in der Provinz werden systematisch zerstört. Seit Juli sind die östlichen Landesteile ohne Elektrizität, weitgehend auch ohne Wasser. Der bereits schwer angeschlagenen Wirtschaft entstehen täglich bis zu 50 Millionen Dollar Verluste.

Der blutige Sumpf von Tod und Terror, Gewalt und Greuel weitet sich aus. Es herrscht offener Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und Einheiten der „Nationalen Befreiungsfront Farabundo Marti“ (FMLN) in mehreren Departements. Gleichzeitig ist ein meuchelmörderischer Krieg ohne Fronten ausgebrochen, bei dem es um die Ausrottung des vermeintlich ideologischen Gegners geht, bei dem keine Fragen gestellt und keine Gefangenen gemacht werden.

Der Terror kommt eindeutig von rechts: Achtzig Prozent der auf zehn- bis zwölftausend geschätzten politischen Morde von 1980 gehen nach Aussagen erfahrener US-Diplomaten auf das Konto skrupellos wütender Regierungskräfte. Sie werden unterstützt von rechtsextremen Todesschwadronen, privaten Mordkommandos und paramilitärischen Banden, die alle durchsetzt sind von Aktiven oder ehemaligen Angehörigen der Armee, der Nationalgarde und der Polizei. Sie veranstalteten bestialische Massaker und machen nach Gutdünken Jagd auf das, was sie „Gauner, Gesindel, Drogenhändler und Kommunisten“ nennen. Sie bringen um, wen sie wollen.

Sieben Jugendliche, Mitglieder eines katholischen Bibelkreises auf dem Lande, werden von Hilfspolizisten in Zivil abgeführt und in einem ausgetrockneten Flußbett erschossen, weil sie „fremde und subversive Lehren studierten“. Am folgenden Tag stecken „Unbekannte“ die Häuser der unglücklichen Eltern in Brand. Schwerbewaffnete Maskierte der „Schwadron Maximilian Hernandez Martinez“ verschleppen von einem Volksfest in Santa Ana zehn junge Männer, (darunter zwei beliebte Clowns), die sich als Sozialarbeiter mit Invalidenbetreuung beschäftigten. Den von einem privaten Femegericht Angeklagten wird vorgeworfen, „mit Drogen zu handeln“, ein „schmutziges Leben“ zu führen und „unsere Jugend zu verderben“. Ihre von Kugeln zersiebten Leichen mit schrecklich entstellten Gesichtern werden später an der Überlandstraße nach San Salvador aufgefunden.

Zwischen Santa Tecla und der Hauptstadt scherte plötzlich der letzte von drei gepanzerten Geländewagen des Typs Cherokee Chief aus – in ihnen bewegen sich heute nicht nur die verängstigten Reichen und Mächtigen, sondern auch Killer-Gruppen – und drängte den überholenden Volkswagen von der Fahrbahn an die steil abfallende Böschung. Es öffnete sich die Tür des bulligen Schlußvehikels mit den verdunkelten Scheiben, und ein automatisches Gewehr wurde in Anschlag gebracht. Der Jesuitenpater am Steuer des Volkswagens bremste abrupt, ich duckte mich. Der bedrohliche Konvoi rollte weiter und verschwand in der Dämmerung. Nichts geschah, alles hätte geschehen können – ungestraft.