Der Vorreiter bei den Benzinpreisen gefährdet die Existenz seiner Tankstellen

Von Peter Christ

Für den Techniker Werner Zech war es ein Einsatz wie viele andere – Routinesache. Was sollte an der Tankstelle auch schon kaputt sein, sie war ja erst am 13. Januar eröffnet worden. Zech kümmerte sich gerade um die Elektronik an einer Zapfsäule der BP-Station im Hamburger Stadtteil Harburg, als der Routineeinsatz dramatische Formen annahm.

Aus dem Tankstellengebäude kam der sichtlich erregte Pächter Karl Zwickel, ging auf den ahnungslosen Zech zu, drückte ihm ein Schlüsselbund mit sämtlichen Schlüsseln der Station in die Hand, sagte nur kurz, daß er nicht mehr weitermachen wolle und verschwand.

Der verdutzte BP-Angestellte war unversehens zum Herrn über eine komplette Tankstelle mit fünf Zapfsäulen, Gebäuden und vollständig ausgestattetem Shop geworden. Zech fragte erst mal in der Zentrale nach und befolgte die Order, auszuharren, und auf Ersatz zu warten und solange das Geschäft des flüchtigen Pächters zu betreiben.

Dessen spontane Geschäftsaufgabe hatte freilich gute Gründe. „Wir haben nicht mal die Hälfte des geplanten Treibstoffverkaufs erreicht und wären jetzt mit Sicherheit in die roten Zahlen gekommen“, erklärte die Pächtersgattin den Beschluß ihres Mannes. Die drohenden Verluste vor Augen wollte das Ehepaar Zwickel nicht mehr bis November warten, bis ein neuer Pächter die nagelneue, von Konkurrenten und Kollegen als Musterstation eingestufte Tankstelle übernehmen sollte.

Zwickels abrupter Ausstieg ist symptomatisch für die Lage vieler Tankstellenpächter. Wegen der ständig steigenden Benzinpreise werden sie von ihren Kunden beschimpft, obwohl sie daran keinen Pfennig verdienen – im Gegenteil. Die Preiserhöhungen treffen viele Tankstellenpächter härter als ihre Kunden. Seit die Preise steigen, gehen die Autofahrer immer vorsichtiger mit dem Gaspedal um, verzichten auf überflüssige Fahrten und steigen auf sparsamere Mobile um. Und der Benzinverbrauch sinkt mit einem Tempo, das niemand vorausahnen konnte. Im ersten Halbjahr 1981 ging der Benzinabsatz um knapp sieben Prozent zurück-