Von Benjamin Henrichs

Plötzlich gibt es wieder Theater. Hat man wirklich etwas vermißt in den Wochen zuvor?

Im vorigen Jahr hatte die Spielzeit in Bochum begonnen, mit Bernhards und Bernhard Minettis „Weltverbesserer“; und sofort, von der ersten Minute an, wußte man wieder, warum Theater unbedingt sein muß. In diesem Jahr eröffnete Peter Zadek die Saison, inszenierte an der Freien Volksbühne Berlin Shakespeares Komödie von „Der Widerspenstigen Zähmung“. Und bald, leider schon nach einer Stunde, wußte man wieder, warum man auf das Theater ganz gut verzichten kann.

Aus Bochum damals bin ich vergnügt nach Hause gefahren – die Spielzeit konnte beginnen. Aus Berlin jetzt bin ich betrübt wie noch nie zurückgekehrt – von mir aus, denke ich heute, könnte die Spielzeit schon zu Ende sein. Was ist geschehen?

Vor drei Jahren hatte Peter Zadek zum letzten Mal Shakespeare inszeniert, das „Wintermärchen“ am Hamburger Schauspielhaus – letzter Teil einer gigantischen Expedition, die von „Maß für Maß“ über den „König Lear“, den „Othello“ und den „Hamlet“ führte. Zadek hat dabei, man kann es heute so schlicht und pathetisch sagen, Shakespeare für das deutsche Theater entdeckt – den Dramatiker, nicht den Klassiker Shakespeare. Über kein Theater in den siebziger Jahren, nicht einmal über die Berliner Schaubühne, wurde mit so viel Wut und so viel Liebe gestritten wie über Zadeks Shakespeare. Zadeks Inszenierungen waren, wie die Stücke Shakespeares, eine Zumutung: maßlos in ihren Gefühlen, rücksichtslos in ihren Effekten, bedenkenlos in ihrem Geschmack. Es waren heroische und romantische Unternehmungen des Theaters: Sie suchten das Abenteuer, den Spaß und den Skandal bei Shakespeare, „Shakespeares Wahrheit“ suchten sie nicht – und kamen ihr doch näher als alle ehrfürchtigen Bemühungen von Philologen, Interpreten, Dramaturgen, Rezensenten zusammen.

Dann war das Chaos aufgebraucht. Peter Zadek verschwendete drei Jahre seines Lebens an den vergeblichen Versuch, sich und der Welt zu beweisen, daß er ein Komödien-, ein Boulevard-Regisseur ist. Jetzt ist er zu Shakespeare zurückgekehrt – und doch nicht. Und daran ist erst einmal Shakespeare selber schuld.

Denn die Posse von der widerspenstigen Katharina, die ein roher Mannskerl zum braven Hausweibchen abrichtet, ist, trotz ihrer ungeheuren Popularität, vielleicht das dümmste und überflüssigste von Shakespeares 38 (oder 40) Stücken. Was immer ein Regisseur da inszenieren will, ein Unterwerfungsdrama oder eine widerborstige Romanze, ob Petruchio und Katharina blutige Feinde sein sollen oder listige Komplizen: Er muß das Stück und die Figuren dazu überhaupt erst erfinden; in Shakespeares flachem, poesielosen Text findet er keinen Halt.