Von Wolf Jobst Siedler

Die Städte und Wohnungen, in denen die Menschen heute leben, erfüllen viel von den Träumen, mit denen das Jahrhundert begann; aber den Träumenden ist unbehaglich. Die Wohnungen, mit denen man nach Heinrich Zille einen Menschen erschlagen konnte, sind aufgeräumt und durchlichtet, die Hinterhöfe, die Mehring zufolge Zuchthaushöfen glichen, sind abgeräumt, und der schnörklige Hausrat, der die Stuben der Jahrhundertwende füllte, hat ästhetisch geklärtem Geschirr Platz gemacht; aber Altbauwohnungen sind Zuflucht vor der Kälte; Hinterhoffeste im Häusermeer versammeln die Enkel der Werkbundgründer, und Trödelläden sind der armselige Protest gegen die Welt des Designs. Die Träume haben die Träumenden eingeholt.

Das 19. Jahrhundert, das von den nazarenischen Entrückungen seines Anfangs bis zu den secessionistischen Revolten seines Endes rehabilitiert ist, kehrt selbst in seinem düstersten Teil, den Mietskasernen von Berlin-Kreuzberg, in die deutsche Wirklichkeit zurück. Dies zählt zu den ungesehenen Aspekten der Vorgänge in den Wilungesehenen Quartieren unserer Städte, die nur dort noch Gefühlswert für ihre Bewohner besitzen, wo sie das steinerne Meer nicht verleugnen, dem die Rebellion der Großväter galt.

Tatsächlich sind die Städte unserer Gegenwart nach dem Biedermeier entstanden. Das mittelalterliche Deutschland hatte sich trotz der großen Stadtzerstörung des 19. Jahrhunderts zwischen Nürnberg und Lübeck hier und da erhalten, aber zusammen mit der barocken und klassizistischen Hinterlassenschaft ist es dann in wenig mehr als achtzehn Monaten in der letzten Phase des Krieges ausgelöscht worden. Was übrig blieb, war das Deutschland des 19. Jahrhunderts, das ja auch sonst – von den Büchern, die wir lesen, den Schauspielen, die wir sehen, und den Symphonien, die wir hören – die Welt ist, in der sich das 20. Jahrhundert bewegt.

Das verachtete Jahrhundert, das Jahrhundert ohne Form, das Jahrhundert, das in seiner Stillosigkeit ästhetische Zuflucht in den fernsten Räumen und Zeiten suchte, gibt sich den Nachlebenden als eines der geschichtsträchtigsten Zeitalter zu erkennen, das an seinem Ausgang mit Marx, Freud, Schönberg und Einstein noch das Instrumentarium zur Verfügung stellt, mit dem es sich selber an sein Ende bringen wird.

In diesem Sinne wird uns auch die Zeit, die man in Deutschland die Wilhelminische Epoche nennt, bei jeder neuen Begegnung bedeutender. Gerade die Epoche, des jungen Herrschers ist in viel höherem Maße als die vorausgegangene Bismarcks in vielerlei Hinsicht der eigentlich revolutionäre Abschnitt der neuen Zeit – und zwar von den technischen Produktionsmethoden der Industrie bis zu den kapitalistischen Organisationsformen der Wirtschaft.

Selbst die Waffen des Krieges, in dem diese Welt untergehen wird, sind vom Flugzeug über den Tank bis zum Unterseeboot Erfindungen des ablaufenden Weltabschnitts, und noch der zweite Krieg wird mit der Vernichtungsapparatur ausgefochten, die vor dem ersten erfunden wurde. Die wirklich neuartigen Waffen, mit denen Deutschland den europäischen Krieg zu enden sucht und Amerika den pazifischen tatsächlich abschließt, markieren viel eher den Abschluß der Epoche der klassischen Weltkriege, als daß sie sie auf ihren Höhepunkt bringen.