Hörenswert

„The Lounge Lizards“. So nennen sich – und ihre erste Schallplatte – fünf junge Männer, die ursprünglich damit befaßt waren, Filmmusiken hervorzubringen. Bald machten die von dem Filmemacher und Saxophonisten angeführten fünf Musik auch nur zum Spaß, wenngleich das Wort Spaß hier so fremd wirkt wie der Gruppen-Name: Das sind „bezahlte Tänzer“? „Salonlöwen“? Sie erinnern in ihrem Titelphoto-Aufzug mit Schlips und Kragen, mit ihren starren blassen Gesichtern wie mit ihrer Musik eher an die Kunstfigur des Kino-Vampirs, durchtränkt von Schmerz, Zweifel und Weltspott Aber sie sind virtuos. Ihre Musik ist ein höchst artifizieller, zwischen Punk und Jazz schwankender, auffallend intellektueller Rock, also von einer scheinbar paradoxen Konstitution, jedoch überaus interessant, bisweilen erregend, manchmal faszinierend in Härte und Poesie. Das Quintett bevorzugt eine eigenwillige, „insistierende“ Melodik, die von einer motorischen Rhythmik vorangetrieben wird, und einen kühl kalkulierten, dann und wann garstig am schönen Klang kratzenden, offensichtlich genau notierten Satz; man findet darin Partien von teuflischer Schönheit, aber eben auch ganz wütendes Dissonanzengeschrei. Schwer vorzustellen, daß diese eigenartige Musik jemanden kalt ließe. (Polydor/EG 2302 107) Manfred Sack

Einfältig

Bob Dylan: „Shot of Love“. Die „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder... “-Mahnung des Neuen Testaments hat sich nicht nur der Mensch, sondern auch der Musiker Bob Dylan wortwörtlich zu Herzen genommen, seit er in Jesus seinen Erlöser entdeckte. Während „Slow Train Coming“ zumindest noch einige musikalisch bemerkenswerte Kompositionen enthielt, sind die meist dürftig bis einfältig gereimten Songs von „Shot of Love“ in Melodie, Arrangement und Produktion so miserabel, oft schlampig und manchmal geradezu dilettantisch wie die von „Saved“. Das gilt für einen Blues wie „Trouble“ genauso wie für die Gospel Rock- und Reggae-Songs, die er hier bar jeden künstlerischen Ehrgeizes und nur an „Botschaften“ interessiert heruntersingt. In „Dead Man, Dead Man“ ist von der Politik der Sünde die Rede, während das Gleichnis in der Bibel doch sagt, daß jeder mit dem ihm anvertrauten Pfunde und Talent zu wuchern habe – also auch der Musiker und Sänger Bob Dylan mit dem seinen! Nur zwei neue Lieder, die Balladen „In The Summertime“ und „Every Grain of Sand“, erinnern noch an den Dylan, der einmal der bedeutendste Song-Poet der Rockmusik war. Einfalt ist eben doch keine Garantie für Heiligkeit. (CBS 85 178)

Franz Schöler