Das Opernbuch von Oskar Bie ist durch eine einzige Formel, durch das Wort von der Oper als einem „unmöglichen Kunstwerk“, berühmt geworden: eine Formel, die jahrzehntelang unablässig zitiert wurde, bis sie aus einem funkelnden Paradox zu einem verschlissenen Gemeinplatz geworden war. Das Buch insgesamt, 1913 erschienen und später noch einmal aufgelegt, wurde allmählich vergessen, obwohl man den Titel in Bibliographien beharrlich mitschleppte; und wenn jetzt, nach sieben Jahrzehnten, ein Reprint erscheint, ist man erstaunt, daß von einem Stil, der damals Mode war, auch heute, so „altmodisch“ er inzwischen wirkt, noch eine gewisse Faszination ausgeht, die mit der Affinität zum Ein de siècle und zum Jugendstil zusammenhängen mag –

Oskar Bie: „Die Oper“. Reprint der Ausgabe bei S. Fischer, Berlin, 1913; Noack-Hübner Verlag, München, 1981; 572 S., 133 Abb., 11 Tafeln, 180,– DM.

Oskar Bie, Redakteur der Neuen Rundschau Samuel Fischers und Musikkritiker des Berliner Börsenkuriers, war einer der einflußreichsten und glänzendsten Publizisten seiner Zeit. Und so wenig sein Opernbuch – trotz chronologischer Anordnung der Kapitel – eine Geschichte der Gattung sein möchte, so ungerecht wäre es. andererseits, von einer bloßen Bündelung kritischer Essays – einer Sammlung von Verstreutem – zu sprechen. Denn Bie, der den lebhaften, betont subjektiven, einen Gegenstand gleichsam durch Momentaufnahmen von verschiedenenen Seiten einkreisenden Stil schrieb, den man damals „impressionistisch“ nannte, versteht es – als Kritiker von Rang – durchaus, die „ästhetische Idee“ der Gattung Oper, die ihm vorschwebt, im Leser ständig gegenwärtig zu halten, so daß sich die Einzeldarstellungen, die Kapitel über Gluck und Mozart, Wagner und Verdi, Puccini und Strauss, am Ende zu einem in sich geschlossenen Bild davon, was das überhaupt ist: eine Oper, zusammenfügen.

Und der Gesamteindruck, der von der Summe der Komponistenporträts ausgeht, ist sogar „operntheoretisch“ sinnfälliger als der Versuch einer Zusammenfassung, den Bie in den einleitenden Kapiteln unternimmt, indem er acht „Grundwiderspräche“ der Oper – vom Gegensatz zwischen Melodie und Ensemblesatz über die Auseinandersetzung zwischen Gesang und Orchester bis zum Konflikt zwischen Komponisten und Librettisten – skizziert.

Der Inhalt des Buches ist, trotz des geschichtlichen Abstands und trotz der Rückwirkungen der Neuen Musik auf das aus der Vergangenheit stammende Repertoire, keineswegs so „überholt“, wie man vermuten könnte. Im Grunde sind die Urteile, die heute unter Opernliebhabern kursieren, und die Akzente, die Bie setzte, gar nicht so. verschieden; Monteverdi und die Barockoper – außer Lully und Rameau – werden allerdings von Bie mit einer Kürze abgetan, in der ein wenig Geringschätzung für das „Abgelebte“ fühlbar ist; für Händel hat er nichts als wenige Zeilen übrig; Bellini und Donizetti erscheinen als bloße Vorläufer Verdis, Berlioz figuriert als theaterfremder Experimentator; und die Opera comique behauptet noch einen Platz, den sie inzwischen – wegen der gesprochenen Dialoge, die bei einem international gemischten Sängerensemble unerträglich wirken – längst räumen mußte. Bies enthusiastisches Urteil über Verdi aber ist von der Herablassung, zu der die deutsche Kritik im 19. Jahrhundert neigte, bereits weit entfernt; und was er über seine Zeitgenossen sagt, ist von der „Geschichte“ – das heißt von den gehäuften Meinungen der Nachgeborenen – im großen und ganzen bestätigt worden.

Oskar Bie erweist sich also in seinem Opernbuch, dessen Neudruck ohne Übertreibung als Fund gerühmt werden darf, als Publizist von Rang, dessen Stil einen prägnanten Eindruck davon vermittelt, wie Oper zu Anfang des Jahrhunderts wahrgenommen wurde, und dessen Urteile, so eng sie mit dem Stil verquickt erscheinen, dennoch im wesentlichen dem Wechsel der Stimmungen, Moden und Tendenzen, einem Wechsel, den man – jedenfalls in der Oper – nicht überschätzen sollte, standgehalten haben.

Carl Dahlhaus