Von Haug von Kuenheim

Ich hatte es mir so vorgestellt: Ich hole Jil Sander ab, wir fahren ins Landhaus Dill an der Hamburger Elbchaussee, wo bereits ein Tisch reserviert ist. Ich frage sie, sie antwortet. Ich werde danach alles über sie und ihre Mode, über ihre neue Kosmetikserie, über die Gründe ihres Erfolges erfahren und schließlich herausgefunden haben, Was für ein Mensch Jil Sander ist, die von der etepeteten Frankfurter Allgemeinen Zeitung geadelt wurde, durfte sie doch den Proust-Fragebogen ausfüllen.

Es kam alles ganz anders. Wir aßen im Mühlenkamper Fährhaus. Sie hatte dort bereits einen Tisch bestellt. Sie schlug zum Essen frische Krebse vor, zum Trinken einen weißen Franzosen. Bis zwanzig nach zehn hatte sie Zeit.

Mit anderen Worten: Sie nahm die Zügel in die Hand und begann gleich, das Hohelied auf die Frau anzustimmen, auf die moderne Frau, die nicht zickig, die eigenständig und verständig ist, die Frau, die weiß, was sie will. Auf die deutscher Frau. ...

Die blonde Frau neben mir (gern schriebe ich. Mädchen, aber der Respekt verbietet dies). mit den blauen Augen, die so eindrucksvoll weit auseinanderstehen, geriet ins Schwärmen. „Die deutsche Frau finde ich toll. Sie hat einen bewußten Prozeß durchgemacht. Ganz einfach toll“, sagt Jil Sander sehr bestimmt.

Toll mag in den Ohren van uns Älteren etwas undifferenziert klingen. Aber da die Jungen mit toll nicht alles und jedes belegen, wollen wir auch Jil Sandre abnehmen, daß sie mit einer „tollen Frau“ etwas Bestimmtes meint.

Ganz sicher bezeichnet sie; mit Frauen, die wie sieihren Kopf benutzen, aus ihren Fähigkeiten das Optimum herausholen, und dies alles locker, aber bestimmt, unverkrampft, aber zäh, spiele- ... rich, aber bewußt tun.