Den einzigen Fehler bei diesem Finale machte Peter-Michael Kolbe vor dem Start. Da fuhr er doch tatsächlich gegen den Strich des Reglements. Er wurde verwarnt, weil er schon bei der Anfahrt seine eigene Bahn, die Nummer vier, benutzte. Die Ruderer haben tunlichst jenseits der offiziellen Bahnen, von links oder von rechts, zu den Startpontons zu fahren. Die Leute auf der 2000 Meter entfernten Zieltribüne stöhnten also auf, als sie von der Verwarnung des Hamburger Skullers hörten: „Jetzt darf er sich keinen Fehlstart mehr erlauben.“

Vom Augenblick des Startzeichens an machte der Hamburger auf der Bahn vier dann keinen einzigen Fehler mehr. Und es zählt überhaupt nicht, daß das Münchner Publikum noch einmal in Zweifel gestürzt wurde, als es nämlich über den Platzlautsprecher erfuhr, daß nicht der Hamburger Kolbe, sondern sein großer Rivale, Rüdiger Reiche aus der DDR, gleich nach dem Start in Führung gegangen sei. Bei der 250-Meter-Marke brauchte Kolbe sich nach keinem Rivalen mehr umzuschauen; nach der Hälfte der Strecke betrug sein Vorsprung zwei Bootslängen. Ein Sieg nach Maß.

Kolbe wurde also Weltmeister; der einzige, den der Deutsche Ruder-Verband (DRV) der Bundesrepublik nach diesem Finale vorzuweisen hatte. Gesetzt den Fall, der DRV hätte den schlaksigen Hamburger, der „eigentlich schon aufhören“ wollte, nicht gehabt bei dieser Ruderweltmeisterschaft im eigenen Haus, es wäre peinlich geworden für den Gastgeber. Aber auch mit der Goldmedaille des eigenwilligen Hamburger Skullers blieb unter dem Strich ein dickes Minus für den deutschen Rudersport der Bundesrepublik; denn noch nie zuvor hatten so wenig DRV-Schiffe das Finale erreicht wie diesmal, nämlich nur drei: der Einer, der Doppelvierer, der Achter. Der Doppelvierer wurde Vierter, der Achter Fünfter, Kolbe gewann.

DRV-Präsident Claus Heß war ehrlich genug zuzugeben: „Wir sind enttäuscht, das wird Konsequenzen haben.“ – Peter-Michael Kolbe reicht als Alleinunterhalter nicht aus, um die Reputation eines großen deutschen Sportverbandes zu retten, der sich nun schon seit Jahren vergeblich bemüht, Anschluß zu finden an die internationale Leistungsspitze. Die Ruderkollegen von „drüben“, die Mannschaften aus der DDR, sind nach wie vor die Nummer eins im internationalen Rudersport, vor dem „großen Bruder“ aus der UdSSR; Für den DRV bleibt nach München nicht einmal mehr der dritte Platz in der inoffiziellen Nationenwertung. Der gehört nun den Italienern mit einer Gold- und einer Bronzemedaille.

Es bedarf keines Schiffbruchs um zu merken, daß ein Kahn überholt werden muß. Im DRV brauchten die Verantwortlichen auf der schönen Regattabahn von München nur über Bord zu schauen, um aus der höheren Geschwindigkeit anderer Schiffe die Erkenntnis zu ziehen, daß man selbst auf dem falschen Dampfer sitzt.

Ein Kolbe allein genügt nicht. Obwohl es nützlich wäre, den jüngeren Kollegen das Beispiel Kolbe einmal sehr deutlich vor Augen zu führen. Es war schon deprimierend zu sehen, wie leicht sich die meisten DRV-Schiffe ihre Endlaufchance wegnehmen ließen. Einfach so, weil sie nicht einmal vor eigenem Publikum motiviert waren, im Halbfinale bis ins Ziel hinein zu „kämpfen“. Junge Leute, die ohne größere Erfolgserlebnisse soviel Selbstbewußtsein entwickelten, daß sie schon wieder bequem werden.

Das Selbstbewußtsein des 28jährigen Hamburger Skullers Kolbe war begründet. Er machte es im Finale genauso, wie er es vorher gesagt hatte: Keine Hektik beim Start, kein überzogenes Tempo (er blieb mit 29 Schlägen in der Minute weit unter dem Streckentempo seiner Konkurrenten), keine Show für die Tribüne.

Der Sieg des Peter-Michael Kolbe war programmiert. Er wollte es denen noch einmal zeigen, die ihn schon abgeschrieben hatten. Sein neues Boot, so sagt er nach dem Rennen, habe ihm dabei weniger einen technischen als vielmehr einen psychologischen Vorteil verschafft. Kolbe machte keinen Fehler in diesem Finale. Und sogar die artige Verbeugung im Sitzen brachte sein neues Schiff bei der Gratulationscour vor der Tribüne nicht ins Schwanken. Gerhard Seehase