Wo immer er auch hinkommt, ein anderer war schon vor ihm da. Jedes Mädchen, das Spike in jedem neuen Hafen, den sein Schiff anläuft, wieder besuchen will – nachdem er sich vorher in seinem kleinen Notizbuch vergewissert hat, wie lange sein letzter Besuch zurückliegt –, trägt inzwischen das Zeichen eines anderen: ein Amulett mit einem Herzen und einem Anker.

Dann aber, eines Tages, irgendwo in irgendeiner Hafenkneipe, trifft Spike einen Seemann, der einen Ring trägt: mit einem Herzen und einem Anker. Endlich hat Spike seinen Konkurrenten eingeholt. Die beiden Männer prügeln sich, und Bill trifft Spike mit seinem Ring am Kinn. Jetzt trägt auch Spike Bills Zeichen: Danach wird die Freundschaft ewig dauern. Und Gefahr droht erst, als Spike sich in eine Frau verliebt, die das Zeichen als Tätowierung trägt.

Der Film heißt „A Girl in Every Port“. Er stammt aus dem Jahre 1928. Sein Regisseur ist Howard Hawks.

Mehr noch als die offiziellen Wettbewerbsprogramme sagen die Retrospektiven über die jeweiligen Festivals aus. Mehr noch als die Wettbewerbsfilme bestimmen die Filme der Retrospektive die Atmosphäre der Festivals. Auf Festivals wirken alte Filme anders: Integriert in den täglichen Programmablauf, werden sie wieder zum alltäglichen Kinoerlebnis. Ein Festival, das eine Retrospektive mit alten Filmen von Howard Hawks veranstaltet, kann nie schlecht werden: für den, der nicht nur am jeweils Neuesten interessiert ist, sondern an dem, was aktuell ist. „A Girl in Every Port“ aus dem Jahre 1928, den man lange nicht mehr hat sehen können, ist sicher auch aktueller als „Riders of the Lost Ark“ (von Steven Spielberg), den man bald überall wird sehen können. Und das Sehen alter Filme läßt das Sehen der neuen nicht unbeeinflußt; „The Dawn Patrol“ (1930), „The Criminal Code“ (1931), „The Crowd Roars“ (1932) und „Tiger Shark“ (1932) von Howard Hawks verändern den Blick auf „They All Laughed“ von Peter Bogdanovich oder „Blow Out“ von Brian de Palma.

„Evidenz ist das Zeichen der Genialität von Howard Hawks“, sagt Jacques Rivette. Evidenz: die Offensichtlichkeit des Sichtbaren, die Direktheit der kinematographischen Bewegungen, die unprätentiöse Übereinstimmung von Erzählung und Erzählen, die Kamera als Mittel zum Erzählen.

In Brian de Palmas Film „Blow Out“ wird die Kamera (Vilmos Zsigmond) zum Gegenstand der Erzählung. Was damit zusammenhängt, daß die Töne zum Antrieb der Handlung werden.

Jack ist Tonmann bei einer obskuren Filmproduktion; früher war er Polizist, aber weil durch, sein: Versagen ein Kollege ums Leben kam, ist er jetzt Tonmann. Jack wird gespielt von John Travolta; dem glaubt man weder den Polizisten noch den Tonmann. Aber das darf in diesem Film auch gar nicht anders sein; nur John Travolta ist schlecht genug, das Dargestellte durch die Darstellung zu überführen. Als Jack eines Abends in einen Park geht, um Töne aufzunehmen, da wird er, das heißt sein Tonbandgerät, Zeuge eines Mordes an einem Politiker. Ein Schuß in den Reifen läßt dessen Auto in einen Fluß stürzen; Jack stürzt sich hinterher, rettet aber nicht den Politiker, sondern dessen Begleiterin (Nancy Allen). Danach ist Jack damit beschäftigt, Bilder zu finden zu seinen Tönen. Wie man das, wenn man es nicht so ernst meint, auch machen kann, das zeigt Brian de Palma. Einmal sieht man John Travolta auf einer hohen Brücke stehen mit Kopfhörern und einem Richtmikrophon. Man hört, was er hört: das dumpfe Quaken eines kleinen Frosches. Und in einer einem Zoom nahekommenden Schärfenveränderung überbrückt die Kamera in weniger als einer Sekunde eine Entfernung von mehreren hundert Metern: Ganz groß sitzt im Vordergrund am rechten Bildrand ein kleiner Frosch.