Von Dieter Piel

Die Sitzungen der Bundestagsfraktionen hatten noch nicht begonnen, die erwarteten Bekundungen des Unmuts, des Zweifels und der Schadenfreude waren noch nicht ausgesprochen, da machte am vergangenen Dienstag in Bonn das Gerücht die Runde, Bundesfamilienministerin Antje Huber habe sich zum Rücktritt entschlossen; sie habe auch schon um einen Termin beim Kanzler nachgesucht. Diese Nachricht erschien glaubhaft, obwohl sie sich zunächst nicht bestätigen ließ. Denn fast jedermann war klar, daß hier etwas längst Fälliges vollzogen werde: der Abschied einer – keineswegs der einzigen – grauen Maus des Bonner Kabinetts.

Eher nebensächlich war dabei die aktuelle Begründung, warum denn die einzige amtierende Bundesministerin tun würde, was man ihr allenthalben zutraute: Sie habe sich düpiert gefühlt durch den Beschluß des Kabinetts, das Kindergeld für das zweite und das dritte Kind zu senken, während sie selbst lieber das Kindergeld von der Höhe des Einkommens der Eltern abhängig gemacht hätte. Dabei ist zu bedenken, daß Fragen des Kindergeldes, wenn auch unglücklicherweise nicht dessen Finanzierung, in Frau Hubers Ministerium ressortieren. Rücktrittsgründe dieses Gewichts hätten sich indessen auch früher schon finden lassen. Denn es ist nun einmal eine Eigenheit des Familienministeriums, daß man zunächst eine Dame an seine Spitze setzt und es alsdann ganz ungeniert als so unwichtig behandelt, wie es eben ist.

Antje Huber war noch kaum im Amt, als man ihr, Anfang 1977, die einzige Ressort-Kompetenz von politischem Rang abnahm, die ihr von ihrer Vorgängerin Katharina Focke hinterlassen worden war: die bis dahin noch kaum genutzte Zuständigkeit für die gesetzliche Krankenversicherung. Die Debatten über die damals euphorisch so benannte „Kostendämpfung im Gesundheitswesen“ und die durchaus werbewirksame Auseinandersetzung mit der Ärzteschaft blieben Herbert Ehrenberg vorbehalten, der fortan einer ihrer Hauptwidersacher im Kabinett werden sollte. So war sie, schon von Hause aus nicht die Munterste und Farbigste, bereits zu Beginn ihrer Kabinetts-Mitgliedschaft zu einer Rolle verurteilt, die etwa der Egon Frankes (Innerdeutsche Beziehungen) oder Dieter Haacks (Wohnungs- und Städtebau) vergleichbar ist: anständig bezahlt, jedoch verdammt unwichtig.

In der Folgezeit hat sich der Bundeskanzler zwar zunächst bemüht, Frau Huber für ihren herben Empfang im Kabinett zu entschädigen. So schanzte er ihr, zum nicht geringen Verdruß der Minister Ehrenberg (Soziales) und Gerhart Rudolf Baum (Inneres), die Zuständigkeit für das Umweltchemikaliengesetz zu, eine Art von Ausgleich für die verlorene gesundheitspolitische Kompetenz. Doch Zuständigkeiten für ein bestimmtes Gesetz sind vergänglich; der Zustand mangelnder Bedeutung mußte für ein Haus wie das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit unweigerlich wiederkehren. Und er kam – von den Kollegen im Kabinett hilfreich befördert.

Sie begannen nach und nach der Kabinettsdame noch das Wenige zu entreißen, an dem sie sich festhalten konnte – etwa ihre wichtigsten Modellversuche. Der „Modellversuch Tagesmutter“, den Antje Huber von Frau Focke übernommen hatte, wurde gestrichen. Zusammengekürzt und schließlich vertagt wurde auch der Modellversuch für eine Reform der Psychiatrie – die Eifersüchte der Länder und die Geldnot des Bundesfinanzministers Hans Matthöfer, ihres größten Widersachers in der Bonner Ministerrunde, waren stärker als die von Fachleuten weithin akzeptierte Bedeutung dieses Versuchs. Sein Ende hat Antje Huber tief getroffen.

Was blieb? Dann und wann eine formale Zuständigkeit für ein Gesetz, für dessen Inhalte und Kosten sich dann doch, mit größerem Gewicht, andere Minister interessierten. Dann und wann auch Werbeaktionen für die Schlankheit („fit statt fett“), gegen Nikotin und gegen Alkohol, von Antje Huber mit dem Griesgram einer Frau betrieben, deren Sechzig-Grad-Wäsche partout nicht weiß wird. Und dazwischen allenfalls noch ein paar Schlagzeilen – so, wenn ihr Staatssekretär geschickt seine Entlassung auf Kosten der Steuerzahler provozierte oder wenn einige weitere Spitzenbeamte (ebenfalls auf Kosten der Steuerzahler) ihren Dienst quittierten und fortan fidel und wohlversorgt spazieren gingen. Alles in allem: Für ein Ministeramt entschieden zuwenig.