Göttlich

Divine Madness, produziert und inszeniert von Michael Ritchie, gehört nicht zu jener Sorte von Konzert-Filmen, die über hektische Schnittorgien, wüste Farbverfremdungen oder sonstigen technischen Firlefanz das Geschehen auf der Bühne kaum noch erkennen lassen. Chefkameramann William A. Fraker hatte seine zehn, durch Funk in Verbindung stehenden Teams wohl entsprechend instruiert, und Regisseur Ritchie, an dessen Verstand man nach seinem jüngsten Spielfilm „Freibeuter des Todes“ hätte zweifeln können, leistet es sich bewußt, seinen Star außen im Bild zu plazieren und die übrigen zwei Drittel der (Cinemascope-)Leinwand schlicht schwarz zu lassen. Den Rest besorgt ohnehin Bette Midler, die „göttliche Miss M.“, die sich von Auftritten in New Yorker Schwulen-Saunas zur Top-Entertainerin hocharbeitete: Mal tanzender Derwisch mal melancholische Diseuse, verwandelte sie nicht zuletzt durch ihre intelligenten Conferencen (und eindeutigen Zoten) die drei Aufzeichnungs-Abende im „Civic Auditorium“ von Pasadena, Kalifornien, in mitreißende Parties. Glücklicherweise kam niemand auf die Idee, diese Dokumentation der Midlerschen Bühnenshow zu synchronisieren: Der Film läuft in Originalfassung ohne Untertitel.

Rolf Thissen

Sympathisch

„Der Erfinder“ von Kurt Gloor. Wenn die wirtschaftliche Lage schlecht, die politische explosiv ist, dann spricht die Obrigkeit gern von Bürgerpflicht und von der Verantwortung des einzelnen Das war zu allen Zeiten so, auch 1916 in der neutralen Schweiz. Jakob Nüssli (Bruno Ganz) tut seine Pflicht nicht. Bei der Musterung simuliert er so glaubhaft eine Sciwerhörigkeit, daß man ihn für untauglich erklärt. Überhaupt ist Jakob Nüssli ein Träumer, ein Außenseiter, der in seiner Werkstatt bastelt und tüftelt, während alle anderen Dorfbewohner in der Kirche oder Schenke beieinander sind. Als er nach allerlei kleinen Erfindungen dabei ist, eine, wie er meint, bahnbrechende Entdeckung zu machen, wird er zu einem Besessenen, der an nichts anderes mehr denken kann als an die Umsetzung seiner Idee; Er will eine Vorrichtung“ für die Räder von Fahrzeugen konstruieren, die verhindert, daß sie im Schlamm stecken bleiben. Der Schweizer Filmemacher Kurt Gloor („Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steirer“, 1975) erzählt seine Geschichte behutsam, mit leisem Humor und viel Sympathie für seine Hauptfigur. Akribisch verfolgt er den Fortgang der Erfindung und ebenso genau zeigt er, wie Leute, die keine Phantasie haben, auf einen wie Jakob reagieren. Man muß ihn „versorgen“, meinen sie, und das bedeutet in der Schweiz nichts anderes, als ihn in eine Irrenanstalt abzuschieben. Jakob Nüssli ist eine tragische Figur im doppelten Sinn; denn als er seine Arbeit beendet hat, entdeckt er, daß es seine Erfindung bereits gibt. In England wird sie für den Einsatz im Krieg erprobt. Anne Frederiksen

Amüsant

„Das Hans der sieben Sünden“ von Tay Garnett Den glatzköpfigen Richter nennt sie „Lockenköpfchen“, und wenn sie in Boni Komba oder einem anderen Südseehafen mit großer Geste und in phantasievollen Kleidern das Zwischendeck des Dampfers verläßt, stiehlt sie jedem Passagier der Ersten Klasse die Show: Marlene Dietrich als Bijou Blanche. Sie ist eine ebenso beliebte wie gefürchtete Kaffeehaussängerin. Die Matrosen der US-Marine liegen ihr zu Füßen, der Wirt jedoch bangt bei jedem ihrer Auftritte um sein Mobiliar. Denn eine Frau, die so schön, so verrucht und so verführerisch ist wie Bijou, sorgt für Aufregung und Rivalitäten in der Männerwelt. Und als ein Marineleutnant – John Wayne als schüchtern-sympathischer Liebhaber – sie heiraten will, mischt sich sogar der Gouverneur ein, um das zu verhindern. Die 1940 von Tay Garnett gedrehte Komödie „Seven Sinners“, die jetzt in den Programmkinos läuft, zeichnet sich nicht nur durch witzige Dialoge aus; oft sagen Blicke viel mehr als Worte. Die Atmosphäre der Südseeinseln hat Garnett, der sich in den 30er Jahren lange dort aufhielt, hervorragend eingefangen: das brodelnde Treiben draußen, das vom Rauch vernebelte Kaffeehaus, die durch Jalousien abgedunkelten und nur von schräg einfallenden Sonnenstrahlen in sanftes Licht getauchten Räume. Ein Happy-End gibt es in „Seven Sinnen“ nicht, statt dessen: eine choreographisch genaue, witzig inszenierte Prügelszene, die zu den vergnüglichsten in der Filmgeschichte gehört