ARD, Donnerstag, 3. September: „Sie – er – Es“, Frauen für den Frieden

Soviel dem Betrachter am Bildschirm im Zeichen einer unaufhaltsamen, den „Bild“-Ramsch des Privatfernsehens antizipierenden Niveau-Senkung auch zugemutet wird: eine Unverfrorenheit wie jene, die sich am Donnerstag der vergangenen Woche nachmittags um 16 Uhr 15 ereignete, hat es, so weit ich sehe, bisher denn doch noch nicht gegeben. Der Friedensmarsch der Frauen von Skandinavien nach Paris, diese Demonstration in vorletzter Stunde: bewitzelt unter dem Aspekt ungeeigneten Schuhwerks! Der Marsch gegen den Krieg – das tertium comparationis hieß „kein ungetrübtes Vergnügen“ auf eine Ebene mit dem Marsch ins Gefecht gerückt! Und dann das Entscheidende, das nicht Hinzunehmende und darum einer entschiedenen Richtigstellung von Seiten der Moderatorin, sie hieß Monika Mösslang, Bedürftige: „Es ist ‚in‘“, wurde gesagt, „Aufrufe für den Frieden zu unterzeichnen“. In ist es! Die Kampagne für den Frieden: eine Modeerscheinung! Gewerkschafter, Geistliche, Politiker, die vor dem Rüstungswahnsinn warnen: Beförderer eines schicken Trends Entwicklungshelfer, denen der Nachweis am Herzen liegt, daß mit jeder gebauten Bombe in der Dritten Welt ein paar hundert Kinder mehr sterben: Trittbrettfahrer auf dem Modefeldzug gegen den Krieg! Autoren vom Range Golo Manns, Lew Kopelews und Stefan Heyms: Unterschriftengeber, die ihren Namen nicht um der Sache willen aufs Papier setzen, sondern weil’s „in“ ist! Die Friedensbewegung: ein Problem der Haute Couture!

Ich weiß, ich weiß: So war’s natürlich nicht gemeint, wird man sagen, nicht mit dem Vergleich von Kriegs- und Friedensmarsch und der Bemerkung, daß dieser ungeachtet entgegengesetzter Intention so wenig Spaß mache, wie jener (als ob die Frauen sich um des Vergnügens willen auf den Weg gemacht hätten!), nicht mit dem Hinweis aufs Schuhwerk, und nicht mit dem „in“. Das sei, mag manch einer behaupten, halt nur eine Floskel, ein bißchen flapsig, ein bißchen gedankenlos – aber noch lange kein Grund, um mit Kanonen auf ein im Grunde harmloses Nachmittags-Spätzlein zu schießen.

Tut mir leid, da bin ich anderer Ansicht. Wer da sagt, es sei „in“, Aufrufe für den Frieden zu unterzeichnen, macht aus der wichtigsten Sache, die es gibt, der Sache des Überlebens, eine Heino- und Jeans-Frage. Und dazu dann noch, ins Bild passend, dieser unglaublich dürftiger Film, nichtssagend und beliebig über den Friedensmarsch der Frauen – wenige Minuten nur hat man Zeit, und dann werden die auch noch mit Albernheiten, wie der Aufnahme einer Dame, die nicht antworten kann (sie hat nämlich beide Backen voll) verplempert... und das in einer Sendung, in der die Probleme der eigentlichen Mode (Franca Magnani auf den Spuren der italienischen Textilindustrie) mit einer Kenntnis und Präzision dargestellt wurden, wie sie das Friedens-Problem offenbar nicht verdiente.

Der NDR täte gut daran, die Sache ins Lot zu bringen: Mag sein, daß mancher – die verantwortliche Redakteurin und Moderatorin voran – sich zumindest im Nachhinein klar macht, welche Perfidien eine flapsig-saloppe Redensweise bisweilen befördert. Momos