Von Rolf Schneider

Seit Fernand de Saussure kennen wir den Unterschied zwischen Sprache und Sprechen, zwischen langue und parole. Er ist beileibe kein bloß linguistisches Problem, wie auch Sprache nicht bloß Gegenstand der Philologie ist; von de Saussure leitet sich eine der mächtigen Modephilosophien unseres letzten Halbjahrhunderts her, der Strukturalismus, in dem gleichsam dogmatisiert auftritt, was bei einigem Nachdenken sich jedermann erschließt: daß es nämlich innige Verbindungen gibt zwischen Sprache und Erkenntnis, zwischen Sprache und Kommunikation.

Nun gibt es überdies einen Unterschied auch zwischen den sprachlichen Zeichen und dem, was diese bezeichnen möchten, und es hat mit Absicht und Bewußtsein der Sprecher zu tun, ob das jeweils selbe sprachliche Zeichen das jeweils selbe bezeichnen will oder nicht. Wir stehen hier am Eingang zu jenem weitläufigen Gelände, da mit Sprache und mit dem Sprechen zu Haltungen und Handlungen verleitet werden soll und wo die Tendenzen des Informierens, des Erziehens, des Beeinflussens, auch Manipulation genannt, auf unscheidbare Weise miteinander verflochten sind.

„Wer die Dinge benennt, beherrscht sie“, heißt es in der Einleitung zu

Martin Greiffenhagen (Hrsg): „Kampf um Wörter? Politische Begriffe im Meinungsstreit“; Carl Hanser Verlag, München; 552 S., 29,80 DM.

Der zitierte Satz des Herausgebers ist eine nur mäßig laisierte Reprise der ältesten Sprachmagie: Was ich benennen kann, das banne ich. Weder der Urform noch dessen moderner Mutante ist zu glauben. Wer Dinge benennt, gibt sich den Anschein, er beherrsche sie; diese häufige Form des kollektiven und Selbst-Betruges ist, der miserablen Wirklichkeit sei’s geklagt, die alltägliche politische Regel.

Das Ziel ist die Herrschaft; die – oft nur behauptete – Kompetenz ist das zu diesem Ziel hinführende Vehikel. Während nun auf, sagen wir, wirtschaftlichem Gebiet die Inkompetenz bei Soll und Haben rasch durch desaströse Ergebnisse offenbar wird, läßt sich über Dinge wie Reform, Utopie oder Grundwerte ebenso aufwendig wie kontrovers wie folgenlos parlieren.