Von Gunter Hofmann Bonn, im September

Nach sieben Stunden hat es Helmut Schmidt gereicht. Gar nicht unzufrieden mit dem Ablauf verließ er die Debatte der SPD-Fraktion, ganz sicher, daß er und die Koalition einen Schritt weitergekommen sind. Er habe jetzt „noch zu tun“.

Eine halbe Stunde später haben die Sozialdemokraten dann darüber abgestimmt, ob der Sparhaushalt, so wie er ist, ins Parlament eingebracht werden soll. Eine breite, sichere Mehrheit stimmte dafür, 17 stimmten dagegen, drei enthielten sich. Auch Willy Brandt ist mit dem Gefühl gegangen, er habe nun „keinen Zweifel“ mehr am Gelingen. Nur Illusionen über viel Änderungsmöglichkeiten am Etat dürften sich die Genossen nicht machen.

Wie ist es zu dem glimpflichen Ausgang gekommen? Noch bevor die Sozialdemokraten an der Basis oder die Abgeordneten in der Fraktion Zeter und Mordio rufen konnten, hatten Brandt und Wehner den Liberalen schon ihre Meinung gesagt, wirksamer und nachhaltiger, als andere das vermöchten. „Wenn’s bricht“, so Brandt, „soll klar sein, wer dafür die Verantwortung trägt.“ Er könne nicht garantieren, daß die Koalition bis 1984 halte. Und Herbert Wehner schrieb der Fraktion eilig, „worauf es im wesentlichen anzukommen hatte, war, der Stoßrichtung des Wirtschafts-Grafen zu wehren, ‚eine gesellschaftspolitische Tendenzwende einzuleiten‘“. Seit Brandt und Wehner an der Spitze der Empörung marschierten, konnte man das Ende ahnen.

Was Brandts und Wehners Kritik am Kompromißpaket der Koalition zum Sparhaushalt angeht, hatte die Sache nur einen Haken. Beide saßen natürlich – wie Helmut Schmidt – in jener Nacht mit am Tisch, als es zwischen den Koalitionspartnern auf Spitz und Kopf stand. Auch Brandt und Wehner haben den Kompromiß mitformuliert, den nach Meinung mancher, die in der letzten Woche dabei waren, Otto Graf Lambsdorff und vielleicht auch andere Liberale gar nicht mehr gesucht haben. Dafür und dagegen zu sein, den Kompromiß mitzusuchen, aber auch zu beklagen, daß er schon an die Selbstachtung der Sozialdemokraten rührt – man kann an dieser Haltung des SPD-Vorsitzenden ablesen, wie schwer es geworden ist, die Koalition in eine ungewisse Zukunft hinüberzuretten.

Bis die Fraktion ihrer Enttäuschung Luft machen konnte, waren Brandt und Wehner, in Krisenzeiten fit, schon wieder einen Schritt weiter. Der SPD-Vorsitzende verständigte sich wenigstens vage mit Hans-Dietrich Genscher, man müsse wieder ein bißchen sorgfältiger nach Gemeinsamkeiten suchen; nicht zuletzt in der Außenpolitik, die einerseits das entscheidende Bindeglied zwischen SPD und FDP geblieben ist, in der es andererseits aber mit Willy Brandts Worten zwischen den Partnern gleichfalls manchmal „grummelt“.

Die Kanzler-Kritik, die in der SPD-Fraktion ausblieb, hat ebenfalls halb subtil, halb unverblümt Willy Brandt geübt. Gleich zweimal mahnte er Helmut Schmidt, mit den Liberalen ein bißchen mehr zu reden. Man solle ruhig ehrlich miteinander umgehen, Offenheit schade nicht. Aber die persönlichen Kontakte zur FDP müßten mehr gepflegt werden, wenn die Koalition „nicht verdorren“ soll.