Verhandlungen über ein neues Welttextilabkommen stehen bevor. Industrie und Gewerkschaft fordern von Bonn eine härtere Linie. Berthold Keller, Vorsitzender der Gewerkschaft Textil-Bekleidung:

  • Am 21. September beginnen in Genf die offiziellen Verhandlungen über den Abschluß eines neuen Welttextilabkommens. Sie und die Mitglieder Ihrer Gewerkschaft fühlen sich durch den Vertreter der Bundesregierung, Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff, nicht so richtig vertreten. Warum nicht? Keller: Die Bundesregierung, vertreten durch den Wirtschaftsminister, steht auf dem Standpunkt, daß das neue Welttextilabkommen nach wie vor so liberal wie bisher gehandhabt werden soll. Das bisherige Abkommen gestattete den Entwicklungsländern jährliche Zuwachsraten ihrer Ausfuhren in Höhe von sechs Prozent. Wir sind der Meinung, gemeinsam mit allen europäischen Textilgewerkschaften und den Regierungen von Frankreich, England, Italien und Belgien, daß durch die rückläufige Wirtschaftsentwicklung auch der Textilverbrauch in der gesamten Europäischen Gemeinschaft zurückgegangen ist.

Wir sagen deshalb: Sechsprozentige Zuwachsraten sind nicht mehr tragbar. Wir verlangen höchstens noch Zuwachsraten zwischen einem und zwei Prozent. Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, das könne man im Interesse eines freien Welthandels nicht mitmachen.

  • Sie ziehen in dieser Frage mit Ihren sonstigen Kontrahenten, den Unternehmern der Textil- und Bekleidungsindustrie, an einem Strang.

Keller: Ja, das ist ganz natürlich. Uns als Gewerkschaft geht es um den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze. Und gerade die Textil- und Bekleidungsindustrie bietet überwiegend Frauenarbeitsplätze an. Für die Unternehmer ist es natürlich interessant, daß sie ihre Arbeitsplätze und ihre Betriebe möglichst im Inland erhalten können.

  • Gibt es denn ein gemeinsames Vorgehen der beiden Seiten gegenüber dem Wirtschaftsminister?

Keller: Wir haben schon seit vielen Jahren mit den Spitzenverbänden der Textil- und Bekleidungsindustrie immer enge Konsultationen geführt. In den Kernfragen, also beispielsweise niedriger Textilverbrauch und deshalb Herabsetzung der Einfuhrraten, oder in der Frage Verteilung der Einfuhrquoten auf die verschiedenen Entwicklungsländer, besteht völlige Übereinstimmung zwischen Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden.