Wer hat da bei wem abgeguckt? Die Botanik bei der Zoologie, die Gotik bei der Pflanzenwelt, der liebe Gott bei den Steinmetzen und Kunstschmieden? Dumme Fragen – aber wer kann sich beim Anblick dieser zweihundertvierzig Photographien, schon dagegen wehren. Sie führen zwar nichts weiter vor Augen, als nur immer wieder Varianten des gleichen Sujets, immer nur Pflanzen; doch der Vermutung, man verliere allerspätestens beim fünfzigsten Bild das Interesse an ihnen, widerstehen sie vehement. Das Buch zeigt von Karl Bloßfeldt (1865–1932): „Das fotografische Werk“; es enthält alle Photos seiner beiden um 1930 erschienenen, heute hoch gehandelten Bände „Urformen der Natur“ und „Wundergarten der Natur“. Obwohl er damit nur seine Aufgabe zu erfüllen suchte, Kunststudenten unabhängig von der Jahreszeit Naturstudien zu ermöglichen; obwohl ihm die (selber gebaute) Kamera nichts weiter war als ein Instrument zum Reproduzieren obwohl er deshalb seine Photographie auch niemals „weiter zu entwickeln“ versuchte, hatten ihn die zwei Bücher im Handumdrehen zu einem weltberühmten Mann gemacht. Sicherlich hatte ihn das genauso überrascht wie die Anstrengungen seiner Zeitgenossen, seine formal vollendete (Neue) Sachlichkeit mit dem surrealen Naturalismus Max Ernsts, mit Erich Haeckel, mit biosophischen Überlegungen, mit Dalí und Bataille und wem sonst noch in einen Zusammenhang zu bringen. Sein Thema war wie die Art und Weise, es abzuhandeln, jahrzehntelang gleichgeblieben: Er porträtierte Pflanzen, nahm sie en face oder en profil auf, machte am liebsten „Brustbilder“ von ihnen, setzte sie dabei ins beste, Plastizität und Stofflichkeit hervorkehrende Licht und rückte sie in die vorteilhafteste Pose: oft gesehene Pflanzen, von Bloßfeldt aber so gesehen, wie man sie noch niemals wirklich gesehen hat. Man staunt über die Vielfalt der ornamentalen Formen, man wundert sich über die merkwürdigen Analogien, die sich einem aufdrängen: zwischen Natur und Kunst, Pflanzen und Bauwerken – und ist in solchen Momenten stimulierender Ratlosigkeit dankbar für den weit ausholenden, reichlich informierenden, gut geschriebenen Essay von Gert Mattenklott, Der Verlag übertreibt mit keinem Wort: Man hat „ein unerschöpfliches Musterbuch der Naturformen im Pflanzenreich“ vor sich und genießt den Irrtum, in einem Kunstbuch zu lesen (Schirmer/Mosel Verlag, München, 1981; 548 S., 240 Tafeln, 78,– DM).

Hätte Bloßfeldt seine Photographie „weiter zu entwickeln“ versucht – wer weiß, vielleicht wäre er einem Amerikaner nahe gekommen, der die Natur nicht als eine biologisch-ornamentale Fundgrube durchstöbert hat, sondern sie als Aufforderung versteht, sie „eigentlich“, mit eigenen Augen, der eigenen Phantasie zu sehen, also zu entdecken, mehr noch, sie als eine höchst kunstvoll belichtete Szene zu gestalten, Szenen mit raffiniert forcierten Kontrasten und von großer dramatischer Stille, Szenen, in denen Licht und Schatten wie Gegenspieler auftreten. Das große, mit ehrgeiziger Sorgfalt gedruckte Buch heißt „Brett Weston – Photographien aus fünf Jahrzehnten“ und zeigt Landschaften, Spiegelbilder, Pflanzen, Sand und Steine. Man bemerkt rasch die Lust zur Abstraktion (von der Weston sagt, sie wohne der Natur inne), man fühlt die Nähe zur bildenden Kunst, und tatsächlich glaubt man, Licht-Bilder (eines sich als Künstler verstehenden Photographen) vor Augen zu haben. Der lebendige biographische Essay R. H. Cravens verstärkt einen darin (Rogner & Bernhard, München, 1981; 132 S., 108 Abb., 128,– DM).

Manfred Sack