Von Horst Bieber

Angeregt und beschlossen wurde das Treffen bereits 1979. Damals konnte niemand voraussehen, daß die Konferenz der Vereinten Nationen über die am wenigsten entwickelten Länder – sie begann vorige Woche in Paris – zwischen zwei wichtigen Gipfeln liegen würde: dem Weltwirtschaftsgipfel im kanadischen Ottawa vom Juli und dem Nord-Süd-Gipfel, der Ende Oktober im mexikanischen Cancun stattfinden soll. Diesmal scheint der regieführende Zufall der Sache der internationalen Entwicklungshilfe zu nutzen: Die dunklen Wolken, die im vergangenen Jahr aufgezogen waren, sind zwar noch nicht abgezogen, haben sich aber aufgelockert.

Mehrere Umstände hatten die Atmosphäre verschlechtert: die zähen Auseinandersetzungen zwischen armen/und reichen Staaten auf der 11. Sonder-Generalversammlung der Vereinten Nationen 1980; die Schwierigkeiten, das Strategie-Dokument für die Dritte Entwicklungsdekade zu formulieren; die einigermaßen unverhohlene Ankündigung aus Washington, man wolle zur bilateralen Hilfe zurück, was hieße: Geld nur für die Freunde Amerikas und solche Staaten, die sich zur Marktwirtschaft bekennen. Von internationalen Gremien hielt die Reagan-Regierung zunächst so wenig wie von einer neuen Weltwirtschafts-Ordnung.

Die Bonner Politik hält sich viel darauf zugute, bei der Vorbereitung des Ottawa-Gipfels diese harte Haltung aufgeweicht zu haben. So kam auf der Weltwirtschaftskonferenz überraschend ein Kommuniqué zustande, worin den "Beziehungen zu den Entwicklungsländern" breiter Raum gewidmet und die Industriestaaten auf verstärkte Hilfe festgelegt wurden. Zwar werden in Punkt zwölf die Grenzen deutlich gezogen: "Wir sind bereit, an der Vorbereitung für einen beiderseitig akzeptablen Prozeß globaler Verhandlungen mitzuwirken, die Aussicht auf sinnvollen Fortschritt bieten", wobei die Akzente sicherlich auf "beiderseitig akzeptabel" und "sinnvoll" liegen. Aber nach Monaten schlimmster Befürchtungen war Ottawa für die Entwicklungsländer ein unerwarteter Lichtblick.

Sie hatten in der Zwischenzeit ebenfalls Entgegenkommen bewiesen. Der Wunsch der Geberländer, künftig mehr Wert auf die Grundbedürfnisse der Bevölkerung zu legen, wurde anfangs wütend als "Morgenthau-Plan für die Dritte Welt" kommentiert, dann jedoch mit der Formel "nicht nur quantitativer, sondern auch qualitativer Fortschritt" schweigend anerkannt. Selbst über Ölpreise, mitverantwortlich für die alarmierende Verschlechterung in der Dritten Welt, will man reden, wenn auch der Versuch des Westens, die Opec-Staaten und die restlichen Dritte-Welt-Länder auseinanderzudividieren, nach wie vor auf Widerstand stößt. Zugestimmt haben die Entwicklungsländer jedoch einer anderen Aufteilung ihres Lagers: Die 31 ärmsten Länder (21 in Afrika, acht in Asien, je eines in Ozeanien und in der Karibik) sollen in den Genuß besonders günstiger Hilfe kommen. Als die Beteiligten der, notgedrungen, willkürlichen Definition "am wenigsten entwickelt zustimmten, war ihnen bewußt, daß die Unterstützung der "Ärmsten" womöglich zu Lasten der kaum weniger bedrängten "Armen" geht.

Hoffnungsvoll klingt auch das im Ton moderate Aktionsprogramm des Pariser Treffens. Der kenianische Staatschef Daniel arap Moi bezifferte den Finanzbedarf der 31 Ärmsten zwar auf 133 Milliarden Dollar in den achtziger Jahren, doch wurde diese unrealistische Forderung von Zugeständnissen umrahmt: Die ärmsten Länder erkennen an, daß sie erstens ihre Eigenleistungen erhöhen müssen und daß zweitens Geld allein dort nicht viel nutzt, wo es an technischer und planerischer Kapazität fehlt, Arbeitsplätze zu schaffen und die Ernährungsgrundlage zu verbreitern.

Angesichts solch seltener Harmonie durfte Zuversicht nicht fehlen. Bundesminister Offergeid rühmte in seiner Rede die allgemein anerkannten Leistungen der Bundesrepublik und versprach, sie trotz schwieriger Haushaltslage zu steigern, um die 270 Millionen Bewohner der 31 ärmsten Länder aus jenem Teufelskreis herauszuführen, der im Weltbankbericht 1981 so beschrieben wird: "Diese Länder sind arm, weil sie die sich ihnen bietenden wirtschaftlichen Möglichkeiten nur zögernd wahrnehmen; sie können aber diese Möglichkeiten nicht nutzen, weil sie arm sind." Offergeld schlug dazu das Leitmotiv an: "Die Bundesregierung ist davon überzeugt, daß eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den am wenigsten entwickelten Ländern auch in unserem eigenen Interesse liegt."

Noch deutlicher hatte es der französische Staatspräsident Mitterrand gesagt: Man müsse den Ländern der Dritten Welt die "Mittel zur Hoffnung" an die Hand geben, denn: "Der Dritten Welt zu helfen, das bedeutet, sich selbst aus der Krise zu helfen." Der selbsternannte Anwalt der Armen und Ärmsten wird in Cancun Gelegenheit haben, den amerikanischen Präsidenten von dieser These zu überzeugen – eine schlechte Voraussetzung für konkrete Abmachungen, aber eine Ermunterung für alle Geber- und Nehmerländer, auch weiterhin nach Kompromissen zu suchen.