Vollbeschäftigung: Trotz wachsender Schwierigkeiten nur von der Schweiz übertroffen

Lange Zeit schien es so, als sei Österreich gegen die Krankheit immun, von der ringsum alle Nachbarländer befallen sind. Mit einer Arbeitslosenquote von 1,4 Prozent scheint die Alpenrepublik auch heute noch eine „Insel der Seeligen“ zu sein, wie ausländische Beobachter schwärmten, die die Vollbeschäftigungspolitik der Wiener Regierung bestaunten. Doch inzwischen stellen auch diese sich auf schlechtere Zeiten ein. Österreichs Sozialminister Alfred Dallinger prüft bereits, ob der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung im nächsten Jahr von jetzt 2,6 Prozent auf drei Prozent angehoben werden muß – vergißt aber nicht, darauf hinzuweisen, daß es in der Bundesrepublik den Drei-Prozent-Beitrag schon jetzt gibt und sogar eine weitere Erhöhung beschlossen sei.

Der Grund für die Vorsorge: Selbst 1,4 Prozent Arbeitslose sind im Sommer, wenn der Fremdenverkehr floriert, für österreichische Verhältnisse überraschend hoch – nämlich um rund ein Drittel höher als im Vorjahr. Deshalb ist die Sorge begründet, daß im Herbst und Winter die Arbeitslosenrate auf 3,5 bis 4 Prozent steigen wird.

Daran, daß die Touristen ausbleiben, liegt es nicht. Bei den Sommer-Arbeitslosen handelt es sich vorwiegend um Beschäftigte aus der Industrie. Zu ihnen werden sich bald die traditionellen Winter-Arbeitslosen gesellen. Denn im Winter wird in verschiedenen ländlichen Gebieten Österreichs die Arbeit stets knapp. Arbeitslosenraten um zehn Prozent waren in Teilen der Steiermark und Kärntens schon bisher in der kalten Jahreszeit keine Seltenheit. Es gibt zahlreiche Gebiete, in denen zwar der Sommertourismus schönes Geld ins Land bringt, wohin sich aber im Winter nur selten Touristen verirren. Hinzu kommen die im Winter ebenfalls traditionellen Entlassungen in der Bauwirtschaft. Dazu addieren sich die Schwierigkeiten einzelner Industriezweige und einige spektakuläre Pleiten, wie im Fall Eumig.

Diesmal sind es allerdings nicht die Frauen, die von der wachsenden Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Zahl der arbeitslosen Männer nahm nämlich in Österreich seit dem Vorjahr gleich um sechzig Prozent zu, während die Zahl der arbeitsuchenden Frauen in der gleichen Zeit sogar abnahm. Die Branchen, in denen es kriselt, beschäftigen verhältnismäßig wenige Frauen. Sie sind vor allem in den Dienstleistungsbetrieben zu finden, und die florieren. Die metallverarbeitenden Betriebe mit ihrer überwiegend männlichen Belegschaft dagegen sind zur Zeit auf der Schattenseite der Konjunktur.

Sozialminister Dallinger verbreitet dennoch Optimismus: „Die Beschäftigungslage ist besser als erwartet.“ Das stimmt – sofern die tatsächliche Lage an den Erwartungen gemessen wird, die vor einem Jahr gehegt wurden. Es stimmt nicht, wenn man sie an den relativ optimistischen Prognosen mißt, die noch im Frühsommer verbreitet wurden. Aber immerhin: Für 1982 wird zwar eine durchschnittliche Arbeitslosenrate von 2,3 Prozent erwartet. Doch damit ist Österreich unter den Indusriestaaten des Westens noch immer Spitze: Nur die Schweiz erwartet eine geringere Arbeitslosenrate als Österreich.

Irmgard Bayer