Von Elke Kammer

Der kleine couragierte Züricher Verlag „Die Arie“ hat ein ungewöhnliches Buch herausgebracht: das Erstlingswerk einer Einundzwanzigjährigen, deren gestalterische Mittel ihrer meisterlich beherrschten Sprache in nichts nachstehen.

Der Roman über ein Frauenschicksal in der entpolitisierten Wohlstandsgesellschaft der Schweiz zwischen 1938 und 1943 wirkt erstaunlich unmittelbar und trifft – seiner Zeit vorgreifend – im Kern, woran gegenwärtig viele Jugendliche in der westlichen Welt kranken: den Überdruß an einer Übersättigung, die den Hunger nach Leben nicht zu stillen vermag. Bei seinem Erscheinen empfahl Herrmann Hesse das Buch in der Weltwoche, aber es fand damals kein Echo – außer einem sensationsbedirigten in Basel.

Was heute an der Wiederauflage des Buches von

Lore Berger: „Der barmherzige Hügel“, Roman; Verlag Die Arche, Zürich, 1981; 240 S., 26,80 DM –

so betroffen macht, ist die Unüberhörbärkeit eines Aufschreis, den niemand hören wollte. Lag es an der expressiven Kraft, mit der da jemand zur unrechten, Zeit wagte, sich zu verweigern? Lore Berger beging mit zweiundzwanzig Jahren Selbstmord.

Sie sprang – einen Monat, nachdem sie das druckfertige Typoskript ihres Romans aus der Hand gegeben hatte und lange bevor sie als einzige Frau in die engere Wahl des von der Büchergilde Gutenberg ausgeschriebenen literarischen Wettbewerbs kam – von der Aussichtsplattform des Wasserturms auf dem Bruderholz hoch über Basel und starb auf dem „barmherzigen Hügel“.