„Die Engel von Hollywood“, Roman von Manuel Puig. Glücklicherweise – für die Literatur jedenfalls – hat der 1932 in der argentinischen Pampa geborene, heute meistens in New York lebende Autor seine kinematographischen Studien an Cesare Zavattinis römischem „Centro Sperimentale“ rechtzeitig abgebrochen. Denn die Chance, mit dem Medium Film selber gegen die verheerenden Folgen dieser weitgehend faulen Zauberbranche anzugehen, erschien Puig zunehmend gering, während er den Erfolg einer parodistisch-aufklärerischen Literatur über die Trivialmythen unserer Zeit mit erstaunlichem Gespür für die Subkulturmüdigkeit des Publikums sehr hoch ansetzte. Und so schreibt er seit über zehn Jahren Romane, die mit den Mitteln ausgeklügelt kombinierter Pastiches die perfiden Tricks kommerziellen und politisch manipulierbaren Unterhaltungsterrors karikierend anklagen. Auch im vorliegenden Fall, wo er die Geschichten dreier scheinbar völlig verschiedener Frauen parallel erzählt, überschwemmt er den Leser mit einer Flut „regenbogener“ Bildfrequenzen und sentimental überfrachteter Sprachschichten, wie sie die Traumfabriken als Lebensersatz anbieten. Am Beispiel eines weiblichen Hollywoodstars, der sich bis zum Entzug der persönlichen Freiheit, ja bis zum völligen Identitätsverlust um sein wirkliches Leben betrügen läßt, wird der von den Bildmedien raffiniert gesteuerte psychische Entmündigungsprozeß, der in emotionaler Infantilisierung endet, besonders drastisch deutlich. Die zweite Frau, krebskrank in einer Klinik, versucht in langen Dialogen mit männlichen und weiblichen Partnern (die letztlich eben keine sind) das Weibliche keitsmuster, dem sie sich freiwillig angepaßt hat, aufzulösen, um endlich zu ihrem ständig verleugneten, vom Rollenkonformismus der Geschlechter verdeckten eigentlichen Ich zu finden. Doch weder ihre feministische Freundin noch der ehemalige Geliebte (ein in Argentinien politisch Verfolgter). haben ihren Fragen anderes als Schablonen entgegenzusetzen. Auch sie leben in einem Getto von Wunschwelten, nach Verhaltungsmodellen, die bis in den politischen Kampf hinein verlogenen Normen verpflichtet sind. Die Freiheit zum Ich findet in diesem alptraumhaft – verstörenden Roman über die Scheinwelt unserer Welt nur eine junge. Prostituierte aus „Urbis, im Jahr 15 des Polarzeitalters“. Allein in dieser Science-fiction-Diktatur wo bis hin zur „Psychohygiene“ alles brutaler staatlicher Kontrolle unterliegt, bricht endlich wieder Spontaneität und Originalität unter und zwischen den Geschlechtern auf, ist von ihrer „Würde“ die Rede, die sie dadurch gewinnen, daß sie „Ich“ zu sagen und zu sein wagen. (Aus dem Spanischen von Anneliese Botond; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1981; 260 S., 32,– DM.) Ute Stempel

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„Vielleicht – Vielschwer / Aphorismen“, von Elazar Benyoetz. Er „klärt“, er denkt nach. Oder besser: er denkt uns vor, was wir ihm – lesend – denkbar dankbar nachdenken können. Er: das ist der Rabbiner Elazar Benyoëtz, gerade noch eben vor der braunen Flut (1937) in Wien geboren, aber in Israel (seit 1939) aufgewachsen. Für Benyoetz ist die Sprache seiner Herkunft, Deutsch; nicht zu unrein, um (auch) in ihr von Gott zu sprechen. Wenngleich keiner Sprache, auch dieser nicht; erlaubt ist, das Heilige mit Worten zu fetischisieren: „Wie soll ich den ausdrücken, dessen Ausdruck ich selber bin.“ Keine Fixierung, kein Festnageln des lebendigen Geistes mit Wörtern: „Du sollst dir aus Gott nichts machen.“ – In allen deutschsprachigen Büchern dieses Autors (1973: „Einsprüche“‚ 1975: „Einsätze“, 1977: „Worthaltung“, 1979: „Eingeholt“) geht es um die paradoxe Symbiose und Osmose von Schweigen und Sprache: „Schweigen ist nicht die Grenze der Sprache, es ist ihr Ein- und Ausgang.“ Mithin eine Grenzsituation: „Schweigen – beim Wort Wache stehen.“ Und woher nimmt einer die Kraft dazu? „Mystikers Tiefe: der versunkene Himmel.“ – Mit Selbstironie notiert Benyoetz: „Der Metaphysiker: ein Vorläufer seines Nachlebens.“ Aber er denkt auch an seine Nation und (Glaubens-)Tradition: „Jüdische Hartnäckigkeit: das Paradies just da zu suchen, wo es der erste Mensch verloren hat.“ Sollte das auch politisch gemeint sein, dann keinesfalls chauvinistisch: „Frieden gäbe es nur dann, wenn die Menschen nicht bloß gegen den Krieg, sondern auch gegen das Siegen wären.“ Denn: „Alle Siege werden davongetragen.“ Resignation also? Ja und nein: „,Laß die Hoffnung fahren‘ – und reise mit.“ (Hanser, München, 1981; 106 S., 14,80 DM.) Hanns-Hermann Kersten

„Explosion der Mitte – Kunst und Politik 1917–1933“, von John Willett. Endlich einmal nicht nur Marlene auf der Treppe als Blauer Engel – sondern eine seriöse Untersuchung zur Kunst und Literatur der Weimarer Republik, die beides nicht nebeneinander aufreiht, sondern die dialektische Beziehung analysiert. John Willett, jahrelang Chef des Times Literary Supplement und als Autor einer sorgsamen Brecht-Studie bekannt, ist ein unbefangener und unbestechlicher Kulturkritiker, der soziale Hintergründe wie sozialistische Positionen vorbehaltlos skizziert. Was das Buch für jeden an dieser Zeit Interessierten nahezu unentbehrlich macht, ist eine umfangreiche Zeittafel, die aufs Frappanteste Gleichzeitigkeiten wie Ungleichzeitigkeiten vorführt. (Eine Woche nach der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti eröffnet Piscator in Berlin mit Tollers „Hoppla, wir leben!“ seine Piscatorbühne, im selben Moment, in dem die Leipziger Neuesten Nachrichten Erich Kästner wegen eines Gedichts entlassen.) Man möchte in Tucholskys Ruf nach einer „Tabellenzeitung“ ausbrechen. (Rogner & Bernhard, München, 1981; 282 S., 39,80 DM.) Fritz J. Raddatz