München

Vieles erinnert an das antike Drama. Da werden Dolche gewetzt, Intrigen gesponnen, da schleichen sich Königsmörder an. Tatort ist ein neoklassizistisches Rathaus. Es steht am Marienplatz, mitten in München. Das Ränkespiel geht nicht um Königswürden, sondern um Posten, die im Juristendeutsch schlicht „Referenten“-Posten heißen. Wer diese gutdotierten Positionen erreicht, wird auch manchmal etwas hochtrabend „städtischer Minister“ genannt. 13 neue werden zur Zeit in München gesucht. Der Andrang ist schier unfaßbar: Seit die FDP – zum erstenmal nach Jahrzehnten von Parteienfilz und Ämterpatronage – durchsetzte, daß die Posten öffentlich auszuschreiben seien, meldeten sich 301 Bewerber. Kein Wunder, daß bei solchem Ansturm manches nicht mit rechten Dingen zuzugehen scheint.

Zuerst freilich bleibt festzuhalten, daß Münchens Stadtväter zum erstenmal in der jüngeren Geschichte die Chance haben, ihre Wahl aus einer Vielzahl qualifizierter Bewerber zu treffen. Da gibt es zwar ein paar Kuriositäten – wie die Pfarrei-Archivarin aus Niederbayern, die gern U-Bahn-Referentin werden möchte –, die meisten Bewerber aber erfüllen Ansprüche, die sonst nur in der Wirtschaft gestellt werden können. Mag sein, daß manchem das – nun notwendige – CSU-Parteibuch fehlt, aber dieser Schönheitsfehler läßt sich ja beheben.

Denn das falsche Parteibuch ist der Grund dafür, daß in München plötzlich so viele Spitzenpositionen freiwerden. Als die CSU 1978 die Macht im Rathaus übernahm, war abzusehen, daß die seit mehr als zwei Jahrzehnten von der SPD gestellten städtischen „Minister“ zum nächstmöglichen Zeitpunkt abserviert würden, obwohl auch Sozialdemokraten seit Jahren für Erich Kiesls CSU die Stadt ganz gut verwalten. Doch nun laufen Verträge aus, neue Leute dürfen antreten. Für das neue Umweltschutzressort meldeten sich 67 Kandidaten, die Schulen wollen 23 regieren, das Personal 22 auswählen.

Am 21. Oktober wird der Münchner Stadtrat zur geheimen Wahl zusammentreten. Doch schon jetzt versucht die CSU, hinter den Kulissen kräftig zu mauscheln.

Während sich die Sozialdemokraten bisher zu keinem Bewerber äußerten und – angesichts der verlorenen Macht – auch hinzunehmen bereit sind, daß ihre eigenen Leute reihenweise abgewählt werden, versucht die CSU längst, die FDP in geheime Absprachen zu drängen. Die Christsozialen tun dies, weil sie tief gespalten sind: Ein liberaler Flügel favorisiert qualifizierte Fachleute, die Ultrarechten wollen ihre Wunschkandidaten durchboxen. Da ist das Beispiel Kulturreferat: Während der liberale Flügel meint, der amtierende Kulturreferent Jürgen Kolbe – ein parteiloser ehemaliger Verlagslektor – mache seine Sache gut und solle deshalb wiedergewählt werden, puschen die Vertreter des rechten Flügels den Chef des Münchner Stadtmuseums, Christoph Stölzl. Stölzl zeichnet sich in seinem Bewerbungsschreiben dadurch aus, daß er für die Einführung städtischer Ehrengaben und die künstlerische Gestaltung des städtischen Briefpapiers plädiert.

Beispiel Kreisverwaltungsreferat: Zunächst wurde der frühere persönliche Referent des Oberbürgermeisters, ein Ministerialrat aus dem Innenministerium, zur Kandidatur gedrängt. Doch als er seine Bewerbungsunterlagen eingereicht hatte, sollte er wieder zurückgepfiffen werden. Der Grund: Peter Gauweiler, Fraktionsvize der CSU im Rathaus und Einpeitscher des rechten Flügels, bewirbt sich nun selbst um den Posten. Und er hat gute Chancen, ihn zu bekommen. Allein schon deshalb, weil ihn viele seiner „Freunde“ in der Fraktion gern loswerden wollen.